„Tosca“ in St. Margarethen: Puccini mit Kanone

Kultur

Dass es bei den Opernfestspielen im Steinbruch St. Margarethen einen Hauch von Regietheater zu sehen gibt, ist zumindest überraschend. Tosca stürzt sich am Ende nicht von der Engelsburg, wäre auch schwierig nahe des Neusiedler Sees und weniger nah am Tiber. 

Sie stürzt sich nicht einmal von einem Felsen der beeindruckenden Kulisse. Sie ersticht Scarpia ein zweites Mal (nachdem sie zuvor auch einen seiner Wächter erwürgt hatte, Mehrfachmörderin, saperlott), diesmal mit einem Schwert statt mit einem Messer. Sie verharrt in dieser Position wie ein Drachentöter und wird zu Stein, zur Skulptur als Teil eines opulenten Altarbildes.

Und sonst?

Die Marmorisierung ist nicht der einzige Zugriff von Regisseur und Bühnenbildner Thaddeus Strassberger. Gleich zu Beginn hört man nicht den berühmten hochdramatischen „Tosca“-Auftakt, sondern Orgelklänge (immerhin ebenfalls von Giacomo Puccini), damit währenddessen gleich einmal Heerscharen von religiösen Würdenträgern in Position gebracht werden können. 

Das ist das vielleicht wesentlichste Merkmal dieser sehr ästhetischen Produktion: die Aufladung mit christlicher Symbolik, der Fokus auf die visuelle Kraft katholischer Riten mit Unmengen von kostümierten Geistlichen, sodass man glaubt, der Steinbruch ist eine Art burgenländischer Petersplatz, die zusätzliche Verkirchlichung einer an sich schon stark theologisch aufgeladenen Geschichte.

Cavaradossi wird im  St. Margarethener Palazzo Farnese an einem Kreuz gequält, sogar Scarpia wird von Tosca nach dem (ersten) Mord so drapiert, als handelte es sich um Jesus.

Man merkt vielleicht schon: Es gibt enorm viel zu schauen bei dieser Puccini-Produktion, die bestimmt enorm viel Publikum anlocken wird. Das Bühnenbild ist irre aufwendig und durchaus spektakulär – schade nur, dass es den ebenso spektakulären Steinbruch stark verdeckt. Man sieht üppigsten italienischen Barock und sogar Herrschaften in Rokoko-Kostümen, die Teil der Tableaux vivants werden. Und außerdem will die Bühne auch die Geschichte miterzählen, indem sie das politische Chaos der damaligen Zeit mit viel Gerümpel darzustellen versucht. Eine gewisse Entrümpelung wäre nicht falsch gewesen, dann hätte es vielleicht mehr Fokus auf das Wesentliche gegeben.

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Fernbeziehung

Der ist leider auch in der Personenführung nicht durchgehend gegeben, und das ist das größte Manko an diesem Abend. Da wird die ganze Bühne bespielt, eh grundsätzlich fein und nachvollziehbar, bei einem Kammerspiel wie „Tosca“ (im Prinzip ist diese Oper eine Dreiecksgeschichte mit viel zwischenmenschlicher Komplexität) braucht es in den entscheidenden  Szenen eine Verdichtung, eine Reduzierung, einen Spot auf die Protagonisten. Hier spürt man von der Liebe zwischen der Titelheldin und Cavaradossi wenig, auch weil sie einander aus -zig Metern Entfernung anschmachten.  Mit ihm führt Tosca eine damals noch nicht so beliebte Fernbeziehung, pandemietauglich mit sehr vielen Babyelefanten dazwischen.

Auch das tödliche Duell zwischen ihr und Scarpia findet räumlich distanziert statt. Und besonders schade ist, dass sowohl Scarpia beim „Te deum“, als auch Cavaradossi sein „E lucevan le stelle“ und Tosca ihr „Vissi d’arte“ ganz weit seitlich auf dem Dach eines der vielen Gebäude singen müssen. Die Protagonisten gehören doch dabei ins Zentrum. 

Wahnsinnig aufwendig ist der Altar, der hinter dem Tor zur Kirche Sant’Andrea della Valle liegt und zweimal freigegeben wird: ein weißes, üppigst überladenes Bild, das nahe am Kitsch schrammt.

Gesungen wird nicht übel, allerdings von der Tonanlage teils seltsam ausgesteuert. Warum Gevorg Hakobyan als Scarpia einen …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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