
Hildegard Müller blickt aus ihrem Berliner Büro auf eine Baustelle. „Vielleicht symptomatisch für das Land, die Autoindustrie und die Transformation“, sagte die Präsidentin des Verbands der deutschen Automobilindustrie (VDA) am Dienstag anlässlich einer OECD-Webinars. Seit sechs Jahren führt sie den mächtigen Lobbyverband – und erlebt eine Krise nach der anderen: Covid, Ukraine-Krieg, Lieferkettenprobleme. Dazu kommt die größte Umwälzung der Branche seit Jahrzehnten: der Umbau zur klimaneutralen und digitalen Mobilität.
Ursprünglich rechnete der VDA, dass der Umstieg von Verbrennern auf E-Autos von 2019 bis 2035 190.000 Jobs kosten wird, heute geht Müller von 225.000 Stellen aus, weil der Standort Deutschland nicht mehr wettbewerbsfähig sei. „Das ist kein Managementversagen“, betonte Müller. Die Transformation verändere Jobprofile. Dass nicht jeder Jobverlust zu vermeiden ist, so ehrlich müsse man sein. Denn der Kostenrucksack werde immer schwerer: Energiepreise, Bürokratie, Lohnnebenkosten. Auch Tarifverträge müssten auf den Prüfstand. In guten Zeiten sei es richtig, Mitarbeiter am Erfolg teilhaben zu lassen.
„Aber in den schlechten Zeiten ist vielleicht auch die Frage, kann man ein bisschen mehr arbeiten?“, sagte Müller. „Vielleicht zwei, drei Stunden die Woche mehr arbeiten und damit kann eine Werksverlagerung verhindert werden.“
Geopolitische Lage
Zugleich fordert die Lobbyistin, dass Plug-in-Hybride über das Jahr 2035 hinaus zuzulassen werden dürfen. Damit könnten rund 50.000 Arbeitsplätze in Deutschland erhalten werden.
„Keiner steigt so radikal aus wie Europa – weder Indien, noch China, noch die USA, noch Kanada“, argumentierte sie. Die Frage sei, ob man auf dem Weg zur Klimaneutralität mehr Offenheit zulassen könne, statt nur auf Verbote zu setzen.
Die Flottengrenzwerte von 2019 seien in einer „ganz anderen Welt“ beschlossen worden – vor dem Ukraine-Krieg, vor den geopolitischen Verwerfungen und vor der Frage, ob Europa bis 2035 überhaupt genug Batterien selbst herstellen könne.
Wettbewerber China
„Sind manchmal die Instrumente wichtiger als das Ziel?“, fragte Müller. „Ich will den Klimaschutz nicht scheitern sehen. Und wir werden ihn scheitern sehen, wenn wir zu dogmatisch sind.“ Die geopolitische Lage verschärft den Druck. China, einst lukrativer Absatzmarkt, ist heute Wettbewerber. Im ersten Quartal brachen die Verkäufe aller Marken in China um 19 Prozent ein. Zugleich agiert Peking strategisch: Währungsabwertung, Exportrestriktionen, massive Industrieförderung.
„1,4 Milliarden Menschen – das Land will seine eigene wirtschaftliche Entwicklung. Das ist legitim“, sagte Müller.
Europa müsse neue Allianzen schmieden: mit Indien, Afrika und Lateinamerika. „Europa muss mehr auf Wertschöpfungsketten achten, von den Rohstoffen über die Weiterverarbeitung“, sagte sie. „Resilienzen aufbauen, ohne sich abzuschotten – das ist die Herausforderung.“
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



