
Jan Philipp Gloger, Direktor des Volkstheaters, brachte aus seiner vormaligen Wirkungsstätte Nürnberg auch die aus Würzburg gebürtige Regisseurin Greta Călinescu mit, die regelmäßig im Stadtraum inszeniert. Ihr Wunsch sei eine „theatrale Auseinandersetzung“ mit dem Thema Wohnungslosigkeit gewesen – unter Beteiligung von Menschen, die dieses Schicksal selbst erlebt haben, sowie jenen, die im Bereich der Obdachlosenhilfe arbeiten.
Tatsächlich konnte der Fonds Soziales Wien (FSW), eine ausgelagerte Einrichtung der Stadt, als Kooperationspartner gewonnen werden. Nach langer Recherche ist eine Double Feature Show aus Audio Walk und Performance entstanden, die am Freitagabend im Bezirk Mariahilf – rund um die Gruft – ihre Uraufführung erlebte. Die zwei Teile sind quasi die beiden Seiten einer Medaille: Zu Gehör kommen einerseits Betroffene, andererseits versichert Ensemblemitglied Maximilian Pulst als Vertreter des „Systems“, dass man sich eh so bemühe.
Die Anklage fällt daher etwas zahm aus: Im Programmblatt liest man, dass Wien „als Leuchtturm für Maßnahmen im Bereich des leistbaren Wohnens und der Obdachlosenhilfe“ gelte. Der Eiertanz beginnt aber schon bei der Frage, wie die in der Regel nicht freiwillig auf der Straße lebenden Menschen zu bezeichnen sind: Der FSW spricht euphemistisch von „Kund:innen“, das Volkstheater hochtrabend von „Expert:innen des Alltags“.
Eine Werbeeinschaltung über die „Beendigung Strategie Obdachlosigkeit Wien 2030“ des FSW ist „Stadt ohne Dach“ aber keinesfalls. Denn die Performance im Obdach Forum (als Amtsstube) über den Paragrafendschungel ist reichlich kafkaesk – und ein Chor aus ehemaligen Betroffenen gibt sich mit den Beteuerungen der „Behörde“ nicht zufrieden: Man baut keine Stadt auf leeren Versprechungen.
Suche nach Sicherheit
Der Spaziergang durchs Grätzel hat eine ganz andere Tonalität: Eine etwa 25-köpfige Gruppe mit Funkkopfhörern folgt einer „Stadtführerin“ (Hedy Spanner), die so redet, wie ihr der Schnabel gewachsen ist. Und die sich kein Blatt vor dem Mund nimmt. Das einstige Heimkind berichtet aus der Perspektive der Frauen, die ein Drittel der laut FSW 13.220 Obdachlosen in Wien ausmachen.
Die Dunkelziffer dürfte bedeutend höher sein – auch aufgrund der versteckten Obdachlosigkeit: Da sich Frauen fast nirgendwo sicher fühlen können, auch nicht in der Gruft, bleiben sie lieber bei einem Mann, auch wenn er sie schlägt. Sicher sei man nur, wenn man unsichtbar ist. Und wenn dich keiner sieht, kann dich auch niemand vertreiben oder anfassen. (Nachteil der Unsichtbarkeit: Man kann – wie eben derzeit in Wien – leichter Sozialleistungen kürzen.)
So entdeckt man beim Rundgang spielende Kinder im Park und lachende Menschen in den Schanigärten. Das Elend aber sieht man nicht. Und das gibt dann doch sehr zu denken.
Source:: Kurier.at – Kultur



