TV total am Abgrund: Zweiter Roman von Internetstar El Hotzo

Kultur

Nach der Lektüre von „Sidekick“, die unterhaltsam, wenn auch nicht ganz so sehr wie gedacht ist, nach der Lektüre von „Sidekick“ jedenfalls könnte man eventuell den Eindruck haben, dass die TV-Branche von eitlen Menschen gestaltet wird, die ihre Wichtigkeit fatal überschätzen, unverdient in Geld schwimmen und die Öffentlichkeit nur deshalb so penetrant suchen, weil sie in Wirklichkeit fragile Komplexhaufen sind.

Es ist, das muss vielleicht betont werden, kein Sachbuch und auch nicht der Begleittext zur ORF-Debatte, sondern ein Roman.

Der hat deswegen Aufmerksamkeit, weil der Autor, Sebastian Hotz, selbst eine Medienfigur ist, Gagschreiber fürs TV und als Pointenschleuder El Hotzo in den sozialen Medien ein Riesenstar.

Also jedenfalls einer, der sich mit der Verlogenheit von Öffentlichkeit auskennt. Und mit genau den Figuren groß geworden ist, die sich in „Sidekick“ selbst zerlegen.

Sagen Sie nicht Elton!

Das Buch handelt von Elton, nein, sorry, Boris. Der ist der Sidekick, also die Nebenfigur, von Stefan Raab, nein, sorry, Falk Anders, der mit seiner schnoddrigen Art, mit dem, was im durchkommerzialisierten Privatfernsehen als Anarchie gilt, und mit viel Hybris zum TV-Star geworden ist. 

Natürlich ist die Romanfigur Boris nicht nur ein nachgebauter Elton, sondern ein Gesamtbild der TV-Persönlichkeiten aus der zweiten Reihe, die aber eigentlich die erste sein will. Und Anders ist nicht Raab, sondern ein Männerkonglomerat all der Late-Night- und ZDF-Hauptabendmoderatoren, die zuletzt öffentlich mit ihrem längst überfälligen Abschied vom Fernsehen gehadert haben. Aber viel mehr sind die beiden Figuren auch nicht.

Auch Falk Anders kann sich von der Mattscheibe, die die Welt bedeutet, nicht so recht verabschieden; und der zwischen Eitel- und Loserhaftigkeit verklemmte Boris wäre gern der, der – wenn es so weit ist – nachrückt. Das kann nur schiefgehen.

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Denn das Ding ist: TV ist längst total am Abgrund, zumindest in jener Aufmerksamkeitsökonomie, die El Hotzo selbst bespielt. Wer bitte schaut heute noch fern?

Das taugt höchstens noch als Meme-Vorlage, denn nur noch die Boomer finden das, was dort passiert, unironisch wichtig. „Sidekick“ ist eine Satire auf das auströpfelnde einstige Leitmedium Fernsehen – und erzählt dessen Personal weiter in die Onlinewelt. Denn Boris und Falk Anders werden plötzlich zum viralen Internetduo, wie und warum, soll hier nicht verraten werden.

Jedenfalls reisen sie auf einem zunehmend irren Roadtrip durch Deutschland, eigentlich aber durch die Medienwelt von heute mit ihren ausgemusterten Stars und bescheuerten Influencern. Das ist flott und im Nachäffen des Onlinejargons eh lustig. Viel mehr, als dass Social Media das neue Reality-TV ist (und noch zynischer) und wir alle unsere Seele für die Aufmerksamkeit verkaufen, kommt aber auch nicht heraus.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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