„Stiffelio“ im Theater an der Wien: Wer brüllt am lautesten?

Kultur

Ein Mann rennt um sein Leben. Seine Verfolger sind ihm auf den Fersen. Zuvor hatte er seine Plakate signiert. Er heißt Rudolf Müller und ist ein gefeierter Jazz-Trompeter. Soll er jetzt den Preis dafür zahlen, dass ihm der Mafia-Boss seine Frau überlassen hat? Man erfährt es nicht. Plötzlich taucht wie im Märchen eine schwarze Kutsche auf und nimmt ihn mit.

Mit diesem Video beginnt Giuseppe Verdis „Stiffelio“ im Theater an der Wien. Vasily Barkhatov hat diese cineastische Ouvertüre auf die musikalische abgestimmt. Sie sollte das Beste an diesem Abend bleiben. Das liegt jedoch nicht an der Inszenierung.

Die Handlung auf der Bühne setzt fünf Jahre nach Rudolfs Flucht ein. Er heißt jetzt Stiffelio, ist Familienvater und protestantischer Priester, der damit konfrontiert wird, dass seine Frau eine Affäre hatte. Der Regisseur hat dessen Geschichte in eine Amish-Gemeinde verlegt. Das sind Sektierer, die sich von der Welt abschließen, Frauen unterdrücken und sonst angeblich der Gewalt abschwören. Barkhatov zeigt die Ausweglosigkeit dieser Menschen. Christian Schmidt hat ihm dafür ein naturalistisches Bühnenbild gezimmert. Einziger Einwand: Es befindet sich auf einer Drehbühne, die zu oft und zu schnell rotiert, sodass man beim Zuschauen schwindlig wird. Das ist ärgerlich, denn es lenkt von den Details ab, die Einblicke in die Seelenabgründe der Figuren geben.

Etwa jene Szene, in der Linas Mutter die Gemeinde verlässt und das Kind mit seiner Puppe und dem strengen Vater Stankar zurückbleibt. Oder, wenn der einen Sarg zimmert, bevor er den Liebhaber seiner Tochter tötet.

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Stiffelio ist hier kein bigotter Prediger, sondern ein zwischen seinen beiden Leben Zerrissener. In dieser Figur ist bereits der Otello angelegt. Dass Verdi mit seiner Musik Seelenabgründe ausleuchtet, ist nicht zu erkennen. Jérémie Rhorer richtete bei der Premiere ein musikalisches Massaker an. Er drischt auf diese Partitur ein, ein Effekt überdeckt den anderen. Von einige Passagen abgesehen, die vom ORF Radiosymphonieorchester ordentlich gespielt werden, lässt es der Dirigent in einem gefühlten Dauer-Fortissimo krachen. Das Gedröhn aus dem Graben spürt man in den ersten Reihen körperlich, es schaukelt naturgemäß auch das Ensemble auf.

Stiffelio wird gekillt

Auf der Bühne findet eine andere Art von Song Contest statt. Hier gewinnt, wer am lautesten schreit. Luciano Ganci wirft sich mit aller Kraft und extremer Spiellust in die Titelrolle; wenn er gerade mal nicht brüllt, klingt sein Tenor solide. Dass er seiner Frau vergibt, wirkt hier logisch. Anders als im Original holen ihn seine Verfolger ein und killen ihn. Joyce El-Khoury setzt auf Dauerintensität, spart schöne Töne aus und übertönt alles. Franco Vassallo ragt mit seinem sonoren Bariton heraus. Luigi Morassi fällt als Liebhaber Raffaele nicht auf. Der Arnold Schoenberg Chor lässt sich nicht beeinträchtigen und agiert mit bewährter Qualität. Das Publikum hatte keine Einwände.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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