
von Silvia Kargl
Ein großes Solo, ein leises Gegenstück zur lauten Eröffnungsperformance bei ImPulsTanz, ein stummer Aufschrei gegen Gewalt in unserer Welt: „Muette“ als erst zweites Solo von Boris Charmatz ist eine detailreiche wie außergewöhnliche Auseinandersetzung mit dem eigenen Körper.
Charmatz vermag das Publikum im Kasino am Schwarzenbergplatz über 50 Minuten derart zu fesseln, dass der hie und da durchdringende Lärm von vorbeifahrenden Autos plötzlich zum Störfaktor wird.
Der Franzose beginnt sein Solo, in dem er wie ein bestraftes Kind mit abgewandtem Gesicht in der Ecke der Bühne steht. Er zieht sich aus, sein athletischer Körper wirkt fortan besonders verletzlich. Der Mund steht immer wieder im Zentrum der Performance, viele unterdrückte Schreie hinterlassen Spuren.
Charmatz choreografiert für sich wie ein Bildhauer, der seinen eigenen Körper formt, den Blick auf expressive Haltungen gerichtet. Wie ein Schmerzensmann reagiert er auf unsichtbare Ereignisse. Man vermeint Soldaten zu sehen, die marschieren, vor allem aber Leidende. Das Leiden zeigt er auch in einer maskenhaften Mimik und in Gesten.
Wie ein Getriebener kämpft er gegen verborgene Gegner, enthüllt Angstzustände, reagiert auf ein ungehörtes „Reiß dich zusammen“ mit Disziplin und auch mit Bewegungen, die aus dem Ballettvokabular stammen. Er zitiert aus eigenen Werken, manche Gesten erinnern an Pina Bauschs „Nelken“. Doch es gibt in der Welt von heute kein Entrinnen. Am Ende hält Charmatz den Atem an, das Leben wird ausgehaucht. Ein schwer zu fassendes Solo, das unter die Haut geht.
Source:: Kurier.at – Kultur



