Die „Ring“-Bilanz: Wagner im Sommerschlussverkauf

Kultur

„Ringe“ in Bayreuth haben es an sich, dass sich am Ende, nach der „Götterdämmerung“, das emotionale Füllhorn des Publikums über den für die Inszenierung Verantwortlichen entlädt. Frank Castorf etwa schien 2013 den Buhorkan zu genießen, ließ ihn minutenlang über sich ergehen und deutete geradezu masochistisch ins Auditorium: Gebt mir mehr! Auch Valentin Schwarz kam zuletzt nicht ungeschoren davon, entschwand aber rascher.

Was sich nun, bei Marcus Lobbes und seinem Team, abspielte, war jedoch auf der nach oben offenen Erregungsskala wohl ein neuer Spitzenwert. Einhellig, wie ein wagnerianscher Chor, hatten sich die Besucher zu jenem Gegenwind entschlossen, den man nach der aufgestauten Hitze der vergangenen Tage (und Aufführungen) wohl brauchte. Der „Ring des Nibelungen“ ist im Jubiläumsjahr (150 Jahre Bayreuther Festspiele) beim Publikum szenisch vollkommen durchgefallen.

Marcus Lobbes ist allerdings kein Regisseur, sondern ein Kurator, er hat das Konzept für den ersten von künstlicher Intelligenz auf die Bühne gebrachten „Ring“ erstellt. Sie haben es vielleicht nach den drei vorangegangenen Abenden mitbekommen: Die KI wirft Bilder aus der Festspielgeschichte auf zwei Leinwände, die Sänger verschwinden in dieser Flut an Zitaten und (schlechter) abstrakter Kunst – und wenn man sie einmal sieht, interagieren sie so gut wie nicht.

Lobbes hat in einem öffentlichen Gespräch in Bayreuth erklärt, wie es zu diesem KI-„Ring“ kam: Festspielchefin Katharina Wagner wollte unbedingt eine neue Tetralogie (damit waren die Festspiele 1876 eröffnet worden), die Subventionen wurden gekürzt, so entstand diese Idee. Und er sagte mehr oder weniger unverhohlen: Das sei der billigste „Ring“ in der Geschichte Bayreuths (also von der Produktion, nicht bei den Kartenpreisen). Na dann, so sieht er auch aus. Als ob man nicht mit wenig Geld anderes machen könnte . . .

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Da Katharina Wagner auch angekündigt hat, aus budgetären Gründen künftig Produktionen verkaufen zu wollen, scheint das eine gute Gelegenheit: Wer will diesen, nicht in China, aber in Bayreuth und trotzdem billig produzierten „Ring“? Immerhin offiziell „Made in Germany“.

Man kriegt:

Kein Bühnenbild, keine Requisiten, keine Schwerter oder Speere, aber wer braucht das schon, ist ohnehin ökologischer Wahnsinn, so etwas durch die Gegend zu schicken. Dafür zwei riesige Gazevorhänge, auf die dann die Bilder projiziert werden.

Man kriegt 34 Kostüme für die Gesangssolisten in S, M, L und XXL, die alle gleich ausschauen, wie ausgestorbene Vögel, zum Beispiel der flugunfähige Dodo – da sich auf der Bühne keiner bewegen muss, macht das nichts.

Man bekommt Sonden für die Köpfe der Sänger, die das Licht steuern, man kann also auch bei der Technik sparen.

Man kriegt ein Regiekonzept, das nur eine Bühnenprobe pro „Ring“-Abend vorsieht und einen Mailentwurf für die Sänger, was sie (nicht) zu tun haben.

Eine echte Mezzie also, Wagner im Sommerschlussverkauf.

Was die Sänger betrifft, ist natürlich jedes Opernhaus flexibel. Ob in Bayreuth auch da gespart wurde, weiß man nicht. Es kann jeder Besucher nur mutmaßen, ob man zum Beispiel drei Rheintöchter zum Preis von einer engagiert hat. Oder ob es ökonomische Gründe hatte, dass Klaus Florian Vogt den Loge, den Siegmund und beide Siegfriede in einem Zyklus sang. Letzteren übrigens sehr gut, vokal präsent bis zu seinem Bühnentod und wortdeutlich. Wer ihn engagiert, spart übrigens …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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