
Es ist nicht der beste Tag im an guten Tagen eh nicht reichen Leben von Leonora Bloch, als sie zum letzten Mal zu ihrem Chef putzen kommt. Der liegt nämlich tot am Boden und beide Hände fehlen ihm. Ungünstig – und ein bisschen verdächtig – ist, dass die pflichtbewusste Reinigungskraft einfach das ganze Haus sauber gemacht hat, bevor sie die Polizei gerufen hat.
Altersarmut
Für die 73-jährige Leonora ist das auch abseits des Schocks keine erfreuliche Entwicklung, weil sie nun ohne jegliches Einkommen dasteht. Und das war schon davor nicht gerade üppig, wie einer der ermittelnden Kommissare taktlos mit einem Hinweis auf ihre unüberholten Zahnreihen richtig einschätzt. Also besorgt sie sich – mit dem Versprechen ihres Schweigens gegenüber der Presse – einen Putzjob im Kaufhaus, das dem Verstorbenen Joachim Bronstett gehört hat. Dort ist man jetzt durchaus erpicht auf Diskretion. Das Geschäft erinnert an das Berliner KaDeWe, nicht zuletzt, weil eine der Bronstettschen Hände im Eis der Austernbar gefunden wird.
Treffsichere Zeichnung
Leonoras Radius ist ziemlich klein. Sie ist befreundet mit dem Kaufhausdetektiv Friedhelm, mit der ehemaligen Kollegin Ilcsi hat sie nur sporadisch Kontakt, ihr Sohn Sebastian ist tot. Nun ist sie um eine Bekanntschaft reicher: Amande, die Tochter des Verstorbenen, mit der sie das Begräbnis organisiert.
In Yael Nokais schmalem Roman tritt der Kriminalfall immer wieder zugunsten einer knapp-treffsicheren Charakterstudie und der nicht unsarkastischen Beschreibung der auseinanderklaffenden Gesellschaftsschichten zurück. Ein packendes Buch, das Freunde von Martin Suter und von ausgefallenen „Tatorten“ erfreuen wird.
Source:: Kurier.at – Kultur



