
Von Marieke Rabe
Vor fünf Jahren eroberten die islamistischen Taliban in einer Blitzoffensive Afghanistan. Am 15. August 2021 nahmen sie die Hauptstadt Kabul ein. Seither hat sich zwar die Sicherheitslage im Land gebessert, doch die humanitäre Lage hat sich massiv verschlechtert. Die UNO spricht von einer Hungerkrise, etwa 45 Prozent der Bevölkerung sind auf humanitäre Hilfe angewiesen. Zwar wächst die Wirtschaft laut Weltbank, doch aufgrund des massiven Zuzugs von Afghanen aus den Nachbarländern Pakistan und Iran sinkt das Pro-Kopf-Einkommen stark.
Fast sechs Millionen Afghanen sind nach UN-Angaben seit September 2023 in ihre Heimat zurückgekehrt und leben dort meist in bitterer Armut von weniger als fünf Dollar am Tag. Sie verlassen die Nachbarländer Pakistan und Iran, um einer Abschiebung zuvorzukommen.
Dazu kommt vor allem, dass die Rechte von Mädchen und Frauen systematisch beschnitten werden. Ihre Situation ist besonders dramatisch, sie werden weitgehend aus dem öffentlichen Leben ausgeschlossen. Das reicht von weiterführenden Schulen über öffentliche Veranstaltungen bis hin zur Arbeitswelt. Frauen müssen in der Öffentlichkeit oder etwa bei Arztbesuchen von einem Mann begleitet werden und es gelten strenge Kleidervorschriften. Frauen sollen in der Öffentlichkeit ihren Körper bedecken und nach einem Dekret von Mai 2022 auch das Gesicht – sichtbar bleiben sollen maximal die Augen. Als „beste“ Form wird in diesem Dekret die Burqa genannt.
In Wien sprachen am Dienstag u.a. die afghanische Botschafterin in Wien, Manizha Bakhtari, zur aktuellen Lage in ihrem Heimatland. Bakhtari befindet sich seit der Machtübernahme der Taliban in einer bizarren Situation: Sie vertritt ein Land, dessen alte Regierung geflohen und dessen neue Taliban-Regierung international keine Anerkennung findet. Sie ist die letzte weibliche Botschafterin ihres Landes und kämpft trotz ihrer Isolation durch die Taliban für Frauenrechte.
Unterdrückung und Extremismus
„Afghanistan wurde durch die Institutionalisierung der Unterdrückung grundlegend verändert“, sagt Manizha Bakhtari: Darunter leide die gesamte Gesellschaft. Grundlegende Rechte und Freiheiten seien außer Kraft gesetzt worden, gleichzeitig vertiefe sich die Spaltung innerhalb der afghanischen Gesellschaft. Dies fördere Stigmatisierung, Extremismus und Terrorismus, so Bakhtari.
Besonders mit Blick auf die jüngere Generation sieht sie eine langfristige Gefahr. In religiösen Schulen würden neue Generationen mit extremistischen Ideologien geprägt. Das sei nicht nur ein Problem für Afghanistan, sondern eine internationale Sicherheitsherausforderung und eine Bedrohung für demokratische Gesellschaften weltweit.
Sie warnt deshalb davor, dass Gespräche mit Taliban-Vertretern zur internationalen Normalisierung beitragen könnten, das grundlegende Rechte und Freiheiten systematisch beschneide.
Auch Lukas Gahleitner-Gertz, Sprecher der Asylkoordination, warnt vor der internationalen Zusammenarbeit mit den Taliban. Seit Herbst 2025 hat auch Österreich sieben Abschiebungen direkt nach Kabul durchgeführt. Für Gespräche über weitere Rückführungen waren zuletzt im Februar dieses Jahres Vertreter der afghanischen De-facto-Regierung in Wien. Gahleitner-Gertz betont zwar, dass Österreich ein Rechtsstaat sei und die Abschiebungen auf einer rechtlichen Grundlage basierten.
Gleichzeitig stellt sich für ihn die Frage, wo die Grenze zwischen notwendiger Zusammenarbeit und einer politischen Aufwertung des Taliban-Regimes verläuft. Denn: „Nicht alles, was rechtlich möglich ist, ist auch gescheit.“ Die Treffen lediglich als notwendige Arbeitstreffen zu bezeichnen, spiele die Zusammenarbeit mit dem Taliban-Regime herunter.
Die Grenze zwischen Kontakt und Normalisierung
Doch wie kann ein solcher Umgang mit den Taliban überhaupt aussehen? Wolfgang Petritsch, langjähriger Spitzendiplomat, sieht auch für …read more
Source:: Kurier.at – Politik



