Wajdi Mouawads „Europa“: Vererbte Schuld im Kreislauf der Gewalt

Kultur

Megara ist Seismologin – und kämpft in Athen für den Erhalt des Parthenon. Sie hat mehrere Fehlgeburten hinter sich. Und dann stirbt auch noch ihr Vater.

Jovette soll in Quebec Spendengelder für eine Hilfsorganisation lukrieren. Um ihre Angst vor Hunden zu überwinden, sucht sie einen Hypnotiseur auf. Und Wediaa beschwört ihren Sohn Zacharias, des Kannibalismus angeklagt, vor Gericht die Wahrheit zu sagen.

Diese Biografien und Schicksale hängen, wie sich mit der Zeit herausstellt, zusammen. Denn „Europa“, das neue Stück des im Libanon geborenen Autors, Regisseurs und Schauspielers Wajdi Mouawad, ist ein vertrackt konstruiertes Stück, das die Geschichten der griechischen Tragödie komprimiert in die Gegenwart übersetzt. Daher heißen die Figuren zum Beispiel wie die Frau des Herakles.

Blut ist im Schuh

Oder eben Europa. Als Achtjährige hatte sie in der fiktiven Region Hafeztan ein Massaker miterlebt. Nun, 75 Jahre später, will die UNO-Ermittlerin Assia das totgeschwiegene Verbrechen aufarbeiten. Die Kontaktnahme stellt sich als nicht so einfach heraus, der Absatz ihres Louboutin-Schuhs verfängt sich in einem Kanalgitter, aber schließlich erklärt sich Europa, eine schwer verbitterte Greisin, bereit, über damals zu reden. Unter einer Bedingung: Dass Assia ihre drei Töchter ausfindig macht. So wird über den Globus hin und her geflogen.

Wajdi Mouawad geht es, wie in seinen früheren Stücken, um Schuld, Mitschuld (das achtjährige Mädchen hatte das Versteck der anderen Kinder verraten) und die Verstrickung über Generationen. Gewalt gebiert Gewalt, nur ein Deus ex Machina könnte den mörderischen Kreislauf durchbrechen. Aber den gibt es nur als Behelfslösung auf der Bühne.

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Als Gastspiel zeigen die Festspiele gegenwärtig in der Szene Salzburg die Produktion des Nowy Teatr aus Warschau in der Regie von Krzysztof Warlikowski. Diese fügt sich geschickt in das Gesamtkonzept von Markus Hinterhäuser ein, verzahnt zum Beispiel mit der „Carmen“: In der düsteren Deutung von Gabriela Carrizo animieren Soldaten die Buben, ihresgleichen abzuschießen. Und auch in „Europa“ geht es um einen Femizid: Zacharias wurde, von einer jungen Frau abgewiesen, zum brutalen Schlächter.

Ganz besonderer Saft

Der Prolog „L’ombre en soi qui écrit (Der Schatten in einem, der schreibt)“, erst kürzlich ins Programm aufgenommen, schafft zudem eine Verbindung zur Neuinszenierung von Olivier Messiaens Oper „Saint François d’Assise“. Diese rund 50-minütige Lecture-Performance des Autors hat zwar nicht unmittelbar mit dem Stück „Europa“ zu tun, aber mit Europa und dem ewigen Morden: Mouawad lässt sich zum Schluss seines mit Zitaten überfrachteten, dennoch eindrücklichen Vortrags Blut abnehmen, um sich damit zu besudeln.

Für seine ziemlich drastische, auch plakative Umsetzung von „Europa“ bietet Krzysztof Warlikowski, der mehrfach bei den Festspielen Oper inszeniert hat, alles auf, was ein Stadttheater zu bieten hat, darunter viel Live-Video und computergenerierte Zuspielungen.

Ausstatterin Małgorzata Szczęśniak hat ihm ein besonders tristes Bühnenbild gezimmert, ein Konglomerat aus Klassenzimmer, Gerichtssaal, Versteck und Gefängnis; die minimalistische, thrillertaugliche Streichermusik von Paweł Mykietyn geht durch Mark und Bein.

Es braucht eine gewisse Zeit, um sich im Dickicht der Perspektiven und Handlungsfäden zurechtzufinden. Doch der zweieinviertel Stunden lange Abend steigert sich gegen Ende hin. Die drei Töchter werden sehr unterschiedlich gezeichnet, Maja Ostaszewska darf als Jovette sogar für ein wenig Heiterkeit sorgen. Die platinblonde Assia der Magdalena Cielecka verfolgt eiskalt …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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