„9/11 Frames per Second“: Stille Angst, laute Wut und ein redender Penis

Kultur

Islamistischen Selbstmordattentäter sind gar nicht so, wie man sich das vorstellt. Alles ein großes Missverständnis der christlichen Überlieferung. Und vor allem Schuld daran ist Josef Forster. Der im 19. Jahrhundert ein Ballett namens „Die Assassinen“ komponiert hat. Das hat man zumindest am Dienstag bei den Wiener Festwochen gelernt, einem von vier Stücken des Theaterprojekts „9/11 Frames per Second“. Genauer gesagt in der Rap-Oper „A Terror Teaching Bitch“ von Myassa Kraitt und Dilan Sengül.

Dass Erzherzog Johann Salvator eigentlich das Libretto des Balletts geschrieben hat – immerhin ein Cousin von Kaiser Franz Joseph – wurde da unterschlagen. Dabei hätte das ja noch viel mehr politische Sprengkraft. Ja, das wäre ein Wortwitz, der zumindest bei den Agierenden im Schauspielhaus für Heiterkeit gesorgt hätte.

Schon Angst?

Die Spätfolgen der Anschläge vom 11. September 2001 wollte das „Autor:innen-Theaterprojekt“ beleuchten. Den Start machte „Are you afraid yet“ von Claudia Rankine und Bateira, eine Kombination von Poesie und Video. In letzterem ist eine schwarze Frau mittleren Alters in einer mit teuren Designerstücken ausgestatten Wohnung in Manhattan zu sehen. Der live auf der Bühne verlesene Text handelt von Angst und Vertrauensverlust, vor allem auch in den Staat. Zwei Männer in schwarzen Anzügen läuten bei der Frau, wahrscheinlich ICE-Agenten. Sie versteckt sich unter der Couch, im Kasten, still in der Ruhelosigkeit.

Daran schloss „Wir setzen sie hiermit in Kenntnis“ von Sivan Ben Yishai und Eyal Raz an. Yishai war 2024 von der deutschen Außenministerin Annalena Baerbock wie andere jüdische und muslimische Künstler eingeladen worden zum „respektvollen“ Diskurs über den Gazakonflikt. Sie ging nicht hin, trank lieber Whisky mit ihrem Kollegen Raz. Auf viel zu vielen Metaebenen soll dieses Stück eine Erklärung dafür sein, verbunden mit dem beiläufig eingearbeiteten Schicksal einer Familie, die in Ostjerusalem ihres Hauses verwiesen wird.

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Tiermasken-Sex

„Queer Dschihadi“ von Ozan Zakariya Keskinkilic handelt von Alltags-Antimuslimismus, unter anderem bei der Partnersuche. Für die mitunter starke Sprache mit überraschenden Metaphern glaubt Regisseur Rodrigo Batista krasse, aber rasch ermüdende Bilder von schwulen Pornoszenen mit Hasen- und Hundemasken am nützlichsten, auch ein beschnittener Penis darf hier ausgiebig zu Wort kommen.

Schließlich die schon erwähnte „A Terror Teaching Bitch“: Myassa Kraitt schreit als zornige Frau in Go-Go-Tänzerinnen-Outfit ihre Wut über politische Narrative von Mozarts „Entführung aus dem Serail“ bis zum Verfassungsschutzbericht, von „Habsburg bis Hollywood“ ins Publikum. Plötzlich geht es um Franz Fuchs, der als Einzelfall klassifiziert wurde, während heute jeder kleine islamistische Verdacht schon eine Umfeldanalyse braucht. Moment, ist das nicht dieser „Whataboutismus“, der gerade in der politisch korrekten Blase auf der Triggerwarnungsliste steht?

Steigbügelhalter

Immerhin kriegt auch die Festwochenleitung als „Steigbügelhalter der Techfaschisten“ (siehe Einladung von Peter Thiel) ihr Fett ab. Den Beat zum Rap geben Gewehrschüsse ab. In der Hoffnung, dass auch Ironie in dieser nervtötenden Selbstgerechtigkeit („Terrorismus als isolierte Erfindung“) steckt, kann man diesen Abschluss wenigstens im Furor unterhaltsam finden. Allein, die Hoffnung ist gering.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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