„Der Idiot“ im Bronski: Nastassja hat genug von den Diktatoren

Kultur

Die Dramatisierung nennt sich zwar – wie der Roman von Fjodor Dostojewski – „Der Idiot“. Doch im Mittelpunkt der Produktion, die kürzlich im Bronski & Grünberg ihre Uraufführung erlebt hat, steht nicht der verhaltensauffällige Lew Myschkin, sondern die schöne Nastassja Filippowna Baraschkowa, nach der sich alle verzehren.

Anna Reichmayr hat ihr eine schäbige Wohnküche gezimmert: An der Wand hängt das Poster eines Birkenwäldchens, die speibgrüne Dispersionsfarbe mag eine Anspielung auf den Schweizer Sanatoriumsaufenthalt des psychisch labilen, an epileptischen Anfällen leidenden Myschkin sein. Oder aber: Alle sitzen in der Irrenanstalt.

Den bloß 70-minütigen, äußerst verdichteten Abend beginnt Regisseurin Martina Gredler mit einem Tableau vivant im Passepartout der Guckkastenbühne: Das Ensemble lungert oder sitzt regungslos herum. Dann hebt ein Fingerschnippen an, daraus entwickelt sich der Song „Fever“, der in der Version von Peggy Lee aus 1958 weltbekannt wurde. Denn allen wird in der Gegenwart von Nastassja, die ihren 25. Geburtstag mit Champagner begießen will, ziemlich heiß.

Marie Nadja Haller trägt ein duftiges Seidenkleidchen in verruchtem Rot (treffende Kostüme von Lejla Ganic): Der Fürst, an den Nägeln kauend, ist wie paralysiert. Die Petersburger Gesellschaft nimmt ihn nicht ernst, auch Nastassja führt ihn zunächst vor. Aber der reine Tor rät ihr ab, Ganja zu heiraten, der nur auf die Mitgift aus ist. Johnny Mhanna nennt den Fürsten sogleich einen „Furz“. Und Tozki (Christian Erdt), dessen langjährige Mätresse Nastassja war, kriegt, weil sein Plan durchkreuzt zu werden droht, einen Parade-Zuckaus mit hysterischem Lachanfall.

Ungelenker Krampf-Tango

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Myschkin bietet sich selbst als Ehemann an: Haller und Simon Bauer, mit Perücke hergerichtet wie der bayerische Barde Fredl Fesl, legen einen Krampf-Tango aufs Parkett. Aus den beiden kann definitiv nichts werden. Wird sich Nastassja also dem eifersuchtszerfressenen Rogoshin (Sebastian Pass) hingeben?

Aber man sollte weder den Goethe zitierenden Fürsten noch seinen Darsteller unterschätzen: Wie sich zeigt, sind die Hänger Programm. Und dessen Witze über die russischen Machthaber werden immer besser. Nastassja hat jedoch genug von den Männern: Zusammen mit Aglaja (Adriane Grządziel in reinem Weiß) durchbricht sie die vierte Wand – und verlässt mit ihr, „Goodbye My Dictator“ von Michelle Gurevich singend, die beengten Verhältnisse. Einfach cool.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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