Kunstszene Wien: Ein Patient mit vielen Symptomen

Kultur

Die „Klima Biennale Wien“ ist schon wieder vorbei, die professionellen Kunstbetrachterinnen und -Betrachter sind gerade von der Eröffnung der Biennale Venedig zurück – und noch immer besteht die Notwendigkeit, dem Patienten den Puls zu fühlen.

Da muss man schon mal in die Notaufnahme, am besten ins Untergeschoß der Kunsthalle Wien im Museumsquartier. Nach einem wenig vertrauenserweckenden Warteraum wird man dort in einen dunklen Saal eingelassen, wo der Film „Night Shift“ läuft: Scott Clifford Evans, in Wien lebender US-Amerikaner aus Utah, hat seine Version einer Krankenhausserie gedreht, die immer wieder eskaliert und mit Splatter-Horror-Elementen aufwartet.

Frisches Blut!

Die Besetzung speist sich großteils aus miteinander befreundeten oder liierten Künstlerinnen und Künstlern, denn Evans ist gut vernetzt – als Mitwirkender in Produktionen der Gruppe Gelatin und anderer schwer in Genres festzunagelnder Kreativer ist der Mann mit dem Schnauzbart manchem geläufig.

Doch der im Film gezeigte Personenkreis ist allenfalls eine Sub-Szene in einem vielfältigen Biotop. Mit dem Format „Lebt und arbeitet in Wien“ hat die Kunsthalle wiederholt den Versuch unternommen, einen Querschnitt zu liefern – blickt man in Kataloge früherer Ausgaben, trifft man Personen, die zumindest einen bestimmten Zeitstempel hinterließen: Erwin Wurm, Markus Schinwald, Marko Lulić, Elke Krystufek waren seit 2000 dabei.

2026 ist alles ein bisschen unübersichtlicher – doch man könnte Verbindungslinien ziehen, wenn man wollte. Welches Anliegen das Team – Kunsthallen-Chefin Michelle Cotton holte sich Daniel Baumann, Ex-Direktor der Kunsthalle Zürich, und die Kuratorin Monika Georgieva zur Seite – verfolgt, bleibt in der Schau, die sich bis 26. 10. auf die Kunsthallen-Standorte im MQ und am Karlsplatz erstreckt, aber vage: Die Erklärung, man wolle „die künstlerische Community der Stadt in ihrer Gesamtheit feiern“, übersetzt sich nicht wirklich in einen packenden Parcours.

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Alte Hasen

So stehen Werke etablierter Größen wie Ashley Hans Scheirl und Jakob Lena Knebl – bekannt vom Österreichischen Pavillon in Venedig 2021 – im großen Saal neben Sonnenblumen-Skulpturen des 1986 geborenen Briten James Lewis, ohne dass sich daraus irgendeine Form des Dialogs ableiten ließe.

Weder die Positionierung der Arbeiten im Raum noch das begleitende Textmaterial gibt Auskunft über soziale Netzwerke der Künstlerinnen und Künstler oder über Verbindungen, die es entlang von Materialien, Konzepten oder ästhetischen Qualitäten geben könnte.

Dass Beobachter des Wiener Kunstlebens viele Namen aus anderen Kontexten kennen (Toni Schmale, Philipp Fleischmann, Birke Gorm, Till Megerle, Sophie Thun), weist immerhin darauf hin, dass es um die Infrastruktur für Künstlerinnen und Künstler in Wien nicht zum Allerschlechtesten bestellt ist.

Was aber denken die vielen Personen, die gerade deshalb ihren Lebensmittelpunkt nach Wien verlegen? Die Internationalität der Künstlerschaft kommt medial meist nur in den Fokus, wenn eine Person international Aufsehen erregt – solche Leute, der Maler Amoako Boafo etwa, sind aber oft bald wieder weg.

Wie kommen die vielen anderen mit lokalen Strukturen klar, was nehmen sie von der Stadt mit, was bringen sie ein? Man hätte sich von „Lebt und arbeitet in Wien“ hier Ansätze von Antworten erwartet. Was bleibt, sind eine Handvoll Künstlernamen, die man noch nicht kannte.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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