
Ein Dachboden voller ausrangierter Dinge – Kisten, alte Kleider, Werkzeuge. Wie alt ist wohl die rostige Mistgabel da hinten im Eck? Was ist eigentlich in dem Sack, auf den man offenbar vergessen hatte? Und wofür war dieses verdrehte Metallteil ursprünglich einmal gedacht?
Birke Gorm versteht sich darin, den Impuls hervorzukitzeln, sich in alten Dingen zu vergraben und zu verlieren. In der südkoreanischen Stadt Gwangju, wo ab September die wichtigste Kunstbiennale im ostasiatischen Raum stattfindet, soll bald eine Installation Gorms die Atmosphäre eines Dachbodens wachrufen – bevölkert von seltsamen Gestalten, die exakt an der Grenze zwischen Säcken, Taschen und belebten Wesen zu verharren scheinen. Ein zyklischer Wechsel von hell auf dunkel soll dabei die Imagination des Publikums ankurbeln, erklärt Gorm: „Was passiert mit den Dingen, wenn es dunkel wird?“
Beim KURIER-Besuch in Gorms Atelier im 17. Wiener Gemeindebezirk scheint noch hell die Sonne durch die Fenster. Fein säuberlich hat die Künstlerin, die 2012 zum Studium an der Akademie der bildenden Künste nach Wien kam, die Dinge arrangiert, die als Vokabular ihrer künstlerischen Sprache fungieren: Jutestoffe, Verschlüsse von Dosen, alte Nägel und Hämmer, Seile und Bindfäden.
Es habe sich immer unnatürlich angefühlt, in einem Laden für Künstlerbedarf einzukaufen, erzählt die 1986 Geborene, die in Dänemark aufwuchs und dort erst Textildesign studierte, bevor sie sich für eine Laufbahn im Feld der bildenden Kunst entschied. Der Kontakt mit Materialien, aber auch die handwerkliche Arbeit, ist zentrale Triebkraft geblieben: „Ich bin mit der Idee aufgewachsen, dass Dinge einen Wert haben und einen neuen bekommen können, indem man sie verändert“, sagt Gorm. „Und ich finde Materialien, die bereits mit Informationen aufgeladen sind, enorm spannend.“
Feministischer Ansatz
Gorms künstlerische Ausbildung schärfte aber auch ihr Sensorium für die Symbolik und die Zuschreibungen, die mit Stoffen, Objekten und Handwerkstechniken verbunden sind. In einer Werkserie machte sie Schürzen zum Ausgangspunkt ihrer Überlegungen, in einer anderen einrollbare Stofftaschen, die traditionell für Nähzeug verwendet wurden: Der Name dafür, „Hussit“, steht für „Hausfrau“. Bei Gorm bekommt das Objekt Arme, Beine – und auf gewisse Art ein Eigenleben. Die Interpretation, dass sich dabei auch eine tendenziell unterbewertete „Frauenarbeit“ buchstäblich auf die Hinterfüße stellt, liegt nahe.
„Ich begreife meine Objekte auf jeden Fall als Charaktere“, erklärt Gorm. Einzelne Figuren zu arrangieren und in Beziehung zueinander zu setzen, mache einen wichtigen Teil ihrer Arbeit aus. „Mich interessiert, was passiert, sobald etwas als Körper wahrgenommen wird und man Dinge hineinprojiziert.“
Schwellenwesen
Bei alldem bleiben die Schwellenwesen aus Jute, Papier und Metall in ihrer Identität vage: Volkstümliche Traditionen, in denen Figuren etwa eine Schutzfunktion innehaben, interessieren Gorm, ihre Figuren hinterfragen die Idee solcher beseelter Objekte aber, anstatt sie zu illustrieren.
Die Frage, ob sie sich in einer europäischen Tradition verwurzelt sieht, beantwortet Gorm mit Ja – zögert aber. „Ich schaue mir auch gern an, wie es woanders auf der Welt funktioniert und welche Verschiebungen es gibt.“ Das Gastspiel in Fernost wird bald Gelegenheit dazu geben.
Source:: Kurier.at – Kultur



