
Ob wir so sind wie dieser Song Contest? Das ist natürlich eine gemeine Frage, und die Antwort ist natürlich eindeutig ja. Der ESC 2026 hat das Land in seiner Vielfalt zur Kenntlichkeit entstellt.
Wie beim Song Contest simulieren wir nämlich Weltoffenheit einzig und alleine für den Tourismus; insgeheim sind wir verstört davon, dass die Welt sich in sieben Jahrzehnten – „früher gings beim Song Contest noch um Musik!“ – auch ein Stück weiterdreht.
Die heimische Humornische ist es, alles zu unterspielen und zu unterlaufen, es ist immer ein Augenzwinkern zu viel. Wir schauen mit Argusaugen darauf, dass ja niemand anderer zu viel Spaß im Leben hat. Und wir gönnen den Unsrigen den Erfolg natürlich nicht, sind aber tödlich beleidigt, wenn wir nicht gewinnen.
Wir sind aber auch wirklich die Musiknation der Welt, selbst wenn das hierzulande als Folklore gilt. Dass der ESC hier stattfand, war für wirklich viele Menschen etwas Besonderes. Das Land geht über vor Schönheit, die die Song-Contest-Teilnehmenden bei den „Postkarten“ im ORF aber nicht in echt anfassen durften, weil das zu teuer wäre. Wir sind die allerbesten Gastgeber, zumindest bis die Rechnung beglichen ist. Und ab heute war der Song Contest das, was hierzulande alles im Rückblick ist: Super.
Georg Leyrer leitet das Kultur-Ressort des KURIER.
Ob wir so sind wie dieser Song Contest? Na hoffentlich. Auf den Straßen hat sich friedlich Alltagskleidung
mit auffälligen Glitzer-Outfits vermischt. In Wien konnte jeder Gast (oder jeder Einheimische) den ESC so richtig aufsaugen – beim Public Viewing, auf der Donau, in den Museen, in den Clubs. Wer keine Lust auf das Spektakel hatte, konnte es aber auch einfach sein lassen. Die Stadt ist groß genug für die Koexistenz von ESC-Euphorie und Wurschtigkeit.
Und wir können auch gönnen. Cosmó, im Vorfeld mit vielen depperten Online-Trollen konfrontiert (so sollte wirklich niemand sein), wurde, als es drauf ankam, vom eigenen Publikum abgefeiert. Favoriten wie Finnland, Griechenland oder Bulgarien wurden in der Halle zwar lautstark bejubelt – doch nur vor dem Auftritt des jungen Österreichers wurde dessen Name skandiert.
Ja, es ist Teil der österreichischen Seele, sich selbst zu verdodeln. Sich selbst zu wichtig zu nehmen ist meistens aber eh peinlicher. Und ja, vielleicht wurde versucht, live vor einem Millionenpublikum den kollektiven Minderwertigkeitskomplex bei einem Boxkampf mit einem Känguru wegzutherapieren. Doch was solls? Wir sind schließlich nicht nur Weltstadt der Musik, sondern auch die Wiege der Psychoanalyse.
Agnes Preusser leitet das Chronik-Ressort des KURIER.
Source:: Kurier.at – Kultur



