Sterben spielen Romeo Castellucci

Kultur

Diesmal braucht Castellucci weniger Aufwand, um zu verstören. Es genügt schon, dass jeder, der bei „Credere alle maschere“ dabei sein will, eine der eigens entworfenen Masken aufsetzen muss. (Und diese dann auch mit heimnehmen darf. Nicht allen ist das plötzlich leblose Ding allerdings geheuer.)
Mitmachtheater, für manche ein Horror, diesfalls unausweichlich, auch für den Intendanten Milo Rau: Auch er entkommt der Maske nicht. 
Das Publikum nimmt auf einer u-förmigen Bank Platz. Man mustert die anderen Masken-Gesichter. Insbesondere jene Masken, deren Träger man kennt, wirken spannend, selbst wenn sie naturgemäß völlig ausdruckslos sind. Es ist immer wieder verblüffend, zu sehen, wie sich vermeintlich bekannte Menschen hinter Masken augenblicklich verwandeln. Eine äußert irritierende Erfahrung.
Die eigentliche Performance besteht darin, dass zwei Männer Gegenstände auf die Bühne bringen und dahinter ein Wort eingeblendet ist, das scheinbar wenig mit dem Gegenstand selbst zu tun hat. Eine Vase wird als „Pfeife“ bezeichnet, ein Glas Milch als „Hammer“, ein ausgestopfter Fuchs als „Pferd“. Der alte Magritte-Schmäh fällt einem ein: „Der Verrat der Bilder“ heißt jenes Bild, auf dem eine Pfeife zu sehen und darunter zu lesen ist: „Ceci n“est pas une pipe“- „Dies ist keine Pfeife“.

Nach gut 25-minütigem, zart beunruhigenden, aber unspektakulären Bilder-Rätsel dann der Kern der Aufführung; Ein Stuhl, der aussieht, wie ein elektrischer Stuhl, wird vor das Publikum gestellt. Im Hintergrund die Schrift: „Stuhl“. Ein gewöhnlicher Stuhl ist das natürlich nicht. Es ist eine Tötungsmaschine.
Schweigen. Plötzlich steht eine Frau im Publikum auf. Setzt sich auf den Stuhl. Zuckt, bäumt sich auf, spielt, sie würde sterben. Geht wieder auf ihren Platz. Das wiederholt sich ein paar Mal. Nicht jeder macht hier mit. Manche schütteln nur stumm den Kopf. Was die meisten hinter ihren Masken denken und spüren, lässt sich nur vermuten. Kurz vor Ende wird es dann doch noch halbdunkel im Raum. Als keiner mehr mitmachen mag, weisen zwei Frauen den Wag aus dem Raum. Kein Applaus, aber viele Fragen.
Castellucci hat „Credere alle maschere“ als ein Hinterfragen „unseres Gott-Spielens über den Tod“ angekündigt.  
Das Perfide an dieser Performance: Sie kommt so unscheinbar daher. Ein harmloser Samstagnachmittag mit Bekannten, draußen im MuseumsQuartier scheint die Sonne, drinnen, im Untergeschoß der Halle G, haben gerade ein paar Menschen mit Masken sterben gespielt.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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