
Ein fundiertes und innovatives Konzept dazu, wie der ORF künftig funktionieren soll, war bei den letzten dortigen Generaldirektorenwahlen ein bisschen so wie das gute Porzellan: Wichtig ist weniger, dass man es verwendet, als dass man selbst und die Nachbarn wissen, dass man es hat. Für die Entscheidung, wer Hüttenwirt am Küniglberg wird, war anderes ausschlaggebend.
Das ist diesmal doch anders. Aus mehreren Gründen sind die Konzepte jener, die am Donnerstag eine zumindest halbwegs realistische Chance auf die Kür zum ORF-General haben, heuer von einiger Bedeutung.
Erstens, weil sie den natürlich unabhängigen Stiftungsräten aus einer Patsche helfen: Diese müssen nämlich heuer wegen eines verschärften rechtlichen Umfelds erstmals begründen, warum sie sich für ihre Favoritin, ihren Favoriten entscheiden. Da fällt es leichter zu sagen, wegen des hervorragenden und innovativen Konzeptes, als wegen Freundeskreiszwang oder anderen parteipolitischen Gründen.
Und zweitens, weil auch manchen in der Politik dämmern mag, dass ein „Weiter wie bisher“ im Öffentlich-Rechtlichen nicht mehr gut gehen kann. Betonung auf „dämmern“: Denn natürlich ist auch diese Wahl von allerlei Machtgezerre im Hintergrund vergiftet. Und dennoch muss am Ende jemand herauskommen, der mehr kann, als der beste Mann für die Politik zu sein. Denn der ORF ist schon jetzt in einer erstaunlichen Krise. Und diese wird in den nächsten Jahren aus vielen Gründen noch größer werden. Der ORF braucht diesmal wirklich eine kompetente Leitung.
Fast austauschbar
Wie sehr es brennt, das findet sich in den Konzepten des engeren und weiteren Favoritenkreises wiedergegeben – zumindest in jenem Ausmaß, wie es für die Eigenwerbung nützlich ist. Der KURIER hat die ausführlichen Papiere von Clemens Pig, Markus Breitenecker, Lisa Totzauer und Johannes Larcher analysiert; Kathrin Zierhut-Kunz wollte ihres nicht schicken, übersendete aber zumindest ein kurzes Dokument zu ihren Vorhaben.
Sie bespielen bei der Generalswahl alle ähnliche Generalthemen – und das in einem so großen Ausmaße, dass sie in dieser Krisenbeschreibung fast austauschbar sind. Der Kern der Analysen: Der ORF ist erstmals in seiner Geschichte nicht nur der marktbeherrschende Riese in einem kleinen Land, sondern auch ein Zwerg in einem weltweiten Medien-Ökosystem, dessen bisherige Positionierung nicht zu halten ist. Er ist „politisch und gesellschaftlich besonders verletzlich“, wie Pig schreibt. Denn die klassischen Medien wurden von den US-Plattformen in die Defensive gedrängt.
Zwar sieht die ältere, und damit die wahlentscheidende Publikumsschicht noch ausführlich fern; das erklärt auch das völlig überdrehte Interesse der heimischen Politik an jeder Sendeminute im ORF. Doch schon bei den Unter-50-Jährigen beginnt sich das Bild zu wenden, und bei den Unter-30-Jährigen ist – das mag man hierzulande gar nicht – die Zukunft unübersehbar: Das klassische Fernsehen verliert die Aufmerksamkeit (und damit die auch für den ORF lebenswichtigen Werbegelder) an die Social-Media-Plattformen. „Erstmals in seiner Unternehmensgeschichte hat er die schlechteren Karten“, schreibt Breitenecker zum ORF.
Große Worte
Warum das blöd ist fürs Land, dazu herrscht kein Mangel an großen Worten in den Konzepten: Der ORF sei „Teil der demokratischen Infrastruktur Österreichs“, betont Totzauer, ein Gedanke, der auch in den anderen Konzepten variiert wird. Will man den Kampf gegen Fake News und Polarisierung nicht verlieren, muss man den ORF neu denken, schreiben alle in mehr …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



