Tom Neuwirth über Song Contest: „Ein bisschen Wehmut ist auch schön“

Kultur

Am Dienstag hat in der Volksoper anlässlich des Pride-Monats erstmals eine queere „Fledermaus“ Premiere. Den Frosch spielt Tom Neuwirth. Im Interview mit dem KURIER sprach er über neue Schauspielwege, Conchitas Nachhall und ungewohnte Gefühle beim Song Contest.

KURIER: „Chacun à son gout“ heißt es ja immer schon. Aber was ist anders in der queeren „Fledermaus“?

Tom Neuwirth: Die Musik ist genau gleich wie bei Strauß. Aber die Texte sind anders kontextualisiert. Man stellt immer wieder fest, dass in so vielen Storylines die Queerness gar nicht so schwer zu finden ist. Wenn es zum Beispiel um Konflikte unter Männern geht, wo man nie erfährt, warum die im Streit sind.

In dieser „Fledermaus“-Version rächt sich Falke an Eisenstein, weil dieser ihn öffentlich geoutet hat – was tatsächlich mehr Sinn ergibt als die eher läppische Original-Kränkung.

Ja, dass da vielleicht Emotionen im Spiel waren und vielleicht ein Vertrauensbruch stattfand, das macht es greifbarer. Und das gibt dem Leichten und Heiteren der Operette auch ein bisschen mehr Tiefe.

Der Frosch ist eine berühmte Rolle, wie legen Sie ihn an?

Der Frosch ist in unserer Version, die in der Entstehungszeit spielt, dafür da, die Hoffnung zu transportieren, den Leuten zu sagen, entspannt euch jetzt mal alle, wir können im Hintergrund und im Untergrund sein, wer wir sind, auch wenn wir für die Gesellschaft da draußen noch Rollen spielen müssen. Der Frosch nimmt ihnen die Last von den Schultern. Es gibt heute auch noch Menschen, die aus diversen Gründen nicht sie selbst sein können. Da spielt viel Scham mit, wenn man Leute anlügt, weil man nicht die Person ist, die man vorgibt, zu sein. Aber die Umstände sind halt, wie sie sind. Es ist wichtig, den Leuten diese Schuldgefühle zu nehmen.

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Es gibt politische Entwicklungen, die ein solches Zurückziehen neuerdings nötig machen …

Ja, durch den Rechtsruck wird ja so vieles ausgegrenzt, ob das jetzt Queerness ist, oder Menschen, die woanders herkommen, oder andere Hautfarben haben. Ich glaube, dass solche Stücke für Leute, die sich damit wenig beschäftigen, Erklärungen sind, um was es geht und was alles nicht „queer“ ist. Was da von den Rechtspopulisten für Feindbilder gebaut werden, sind oft Lügen und Falschinterpretationen. Es ist auch verständlich, dass man irritiert ist, wenn man eine Lebensrealität trifft, die nicht die eigene ist. Umso besser ist es, das einmal kurz beobachten zu können und dann zu merken: Ach so, wir sind ja eigentlich alle in so vielen Dingen gleich.

Ist die „Fledermaus“ ohnehin schon ein bisschen grund-„queer“?

Natürlich, da ist schon viel drin vom Verkleiden, vom Jemand-sein, der man nicht ist. Mir wurde auch die Rolle des Prinzen Orlofsky schon einmal angeboten. Aber wahrscheinlich kann man die Queerness überall finden. Ich habe etwa in einer Inszenierung von „Romeo und Julia“ in Berlin den Todesengel gespielt und da gab es eine Nebengeschichte über Mercutio, wo man auch versteht: Aha, die Freundschaft zu Romeo könnte auch Liebe gewesen sein.

In einer Inszenierung der „Fledermaus“ von Barrie Kosky von 2023 in München trugen die Tänzerinnen strassstrahlende Bärte. Ziemlich sicher eine Anspielung auf Conchita – wie geht es Ihnen damit, dass Ihre …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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