
Es ist ein Kernstück für die neue EU-Grenzsicherung: Das EES-System – über Jahre von einer eigenen EU-Behörde entwickelt – soll jeden einreisenden Nicht-EU-Bürger samt biometrischer Daten erfassen und die sofort für die Polizei in ganz Europa verfügbar machen. Das modernste Grenzsicherungssystem der Welt, das am 15. Juni EU-weit gestartet ist, soll die Einreise von Kriminellen oder Terrorverdächtigen verhindern, aber auch das „Asyl-Shopping“, also dass Migranten von EU-Land zu EU-Land ziehen.
Was das EES aber derzeit vielerorts in Europa zum Kollabieren bringt, ist schlicht der Ansturm von Touristen zu Beginn der sommerlichen Reisezeit. Seit Wochen kommt es an großen europäischen Flughäfen wie etwa Paris oder Lissabon zu massiven Verzögerungen bei der Einreise in die EU. So müssen Reisende, deren Daten eigentlich längst erfasst sein sollten, trotzdem die gesamte, zeitaufwendige Prozedur durchlaufen. EU-Bürger, die eigentlich ohne Mühe die Grenzkontrolle passieren können, landen trotzdem in der Schlange, weil die Logistik am Flughafen nicht klappt. Die Software der automatischen Kontrollstellen, „Kioske“ genannt, bricht unter der Datenmenge zusammen.
Wenige Tage vor Beginn der Schulferien in Europa schlagen jetzt die Flughafenbehörden von Rom Alarm. Man sei äußerst besorgt, äußert man sich gegenüber der Financial Times. Es sei quasi ausgeschlossen, dass man den zu erwartenden Ansturm von Feriengästen bewältigen könne. Die vollständige Kontrolle aller einreisenden Nicht-EU-Bürger sei nicht zu bewältigen: „Wir werden also die Schleusen öffnen.“
In Brüssel hat man ohnehin mit solchen Anlaufschwierigkeiten gerechnet. Das verantwortliche Team rund um Migrationskommissar Magnus Brunner teilte schon vor Wochen mit, dass man für die Sommersaison mit Überlastungen rechne. Als Notlösung dürfen die Flughäfen das System vorübergehend aussetzen, wenn notwendig auch den ganzen Sommer lang.
Nur 70 Sekunden
Eigentlich soll der gesamte Check für Nicht-EU-Bürger bei der Einreise in die EU in maximal siebzig Sekunden erledigt sein, meint man in Brüssel: Das sei wohl nicht zu viel verlangt für die Sicherheit an Europas Grenzen. Einige EU-Staaten aber hätten bei der Einrichtung der Kontrollen wohl ihre Hausaufgaben nicht gemacht. Es handle sich aber um Kinderkrankheiten. So einfach dürfe es sich Brüssel nicht machen, ärgert sich Stefan Schulte, Chef des Verbands der europäischen Flughäfen: „Die Politik sollte aufhören, so zu tun, als ob das EES funktionieren würde. Es funktioniert nicht.“
Source:: Kurier.at – Politik



