
Es läuft die 38. Minute im Spiel zwischen Argentinien und Österreich bei dieser WM. Xaver Schlager liegt nach einem Foul von Alexis MacAllister in der gegnerischen Hälfte auf dem Boden, die Argentinier nähern sich in hohem Tempo dem Tor der Österreicher, die ebenso schnell zurücklaufen. Paul Wanner nicht. Der 20-Jährige trabt, obwohl Lionel Messi wenige Meter vor ihm läuft – durchaus einholbar. Der Weltstar kommt an den Ball, trifft ungestört zum 1:0 und fixiert später auch den 2:0-Sieg des großen Favoriten.
So weit, so gewöhnlich. Der Papierform nach ist bei dieser WM bisher alles wie erwartet verlaufen. Österreich ist mit einem Sieg gegen Jordanien gestartet und hat sich gegen Argentinien ordentlich verkauft, weil man das Spiel bis zum Schluss offen halten konnte und nicht unter die Räder gekommen ist. Soweit alles bestens?
Nein, weil gerade aus Sicht eines Trainers nicht nur das Ergebnis zählt. Und nicht nur Ralf Rangnick weiß, dass Österreichs Team in beiden Partien nicht sein Leistungsmaximum erreicht hat.
Der Ist-Zustand ist dennoch positiv: Man hat die eingeplanten Punkte, kann aber mehr. Jetzt geht es darum, dieses Mehr herauszukitzeln.
Zwischen zwei Stühlen
Auf dem Weg zum Leistungsmaximum muss Rangnick Kompromisse eingehen. Der Teamchef steht zwischen zwei Stühlen: Zum einen hat er über vier Jahre das Gerüst einer Mannschaft gebaut, deren Handschrift und Stärke das viel zitierte Spiel gegen den Ball ist. Aggressives Pressing, viele Ballgewinne, schnelles Umschalten. Und die meisten Spieler im Kader sind genau für diesen Stil ausgebildet. Österreichs Team hat diesen Fußball verinnerlicht und es dadurch erst bis zu dieser Weltmeisterschaft geschafft.
Und man hat sich damit international Respekt verschafft. Das neueste und wohl beste Beispiel? Selbst der Weltmeister hat sein eigenes Spiel nicht blind durchgezogen, sondern sich darauf eingestellt und Maßnahmen ergriffen, um die Österreicher ihrer Stärke zu berauben.
Mehr Ballbesitz, als erwartet
Österreich hatte gegen Argentinien in etwa 50 Prozent Ballbesitz und das auch, weil das Team von Lionel Scaloni den Österreichern in einigen Phasen des Spiels den Ball überlassen hat – mit dem Wissen: Damit können sie nicht so viel anfangen.
Hier liegt der schwierige Spagat für Rangnick: Schickt der Deutsche nur seine besten Balleroberer aufs Feld, um die genialen Argentinier im Zaum zu halten, verliert er zwangsläufig an Kreativität, weil für seine besten Kicker nur noch ein Platzerl auf der Bank übrig bleibt.
Seine besten Kicker? Zu jenen, die auf engem Raum Bälle behaupten können und auch kreative Lösungen finden, zählen Marko Arnautovic, Sasa Kalajdzic, Carney Chukwuemeka und sicher auch Paul Wanner.
Die Szene, in jener der 20-Jährige in der Rückwärtsbewegung gegen Messi nicht das notwendige Tempo aufnimmt, ist durchaus sinnbildlich für die Situation, in der sich Rangnick befindet. Der Teamchef hat dem Jüngsten in seinem Team von Beginn an das Vertrauen geschenkt, weil er es sich objektiv betrachtet erarbeitet und verdient hat. Wanner hat in seinen bisherigen Einsätzen als Joker gezeigt, dass er diese Lösungen findet, die Österreich braucht, wenn sich der Gegner einmal zurückzieht.
Doch Wanner ist kein Seiwald sowie kein Xaver Schlager – und für seinen Spielstil braucht der Teamchef mehrheitlich Balleroberer. Pressing funktioniert nur, wenn alle mitmachen. Das Quartett Kalajdzic, …read more
Source:: Kurier.at – Sport



