Wie man eine Problemschule verändert: „Wir geben Rabauken nicht zu viel Raum“

Politik

Sie leitet die „Modulare Mittelstufe Aspern“, die 2023 den Staatspreis „Innovative Schule“ gewonnen hat. Ihre Erfahrungen hat Pfingstner in ein praxistaugliches Buch gepackt: „Schulentwicklung Schritt für Schritt“.

KURIER: Was halten Sie davon, dass das Bildungsministerium bald Vergleichsdaten von Volksschulen veröffentlichen wird?

Doris Pfingstner: Grundsätzlich ist die Arbeit mit Daten für eine moderne Schulleitung selbstverständlich, um zu sehen, in welchen Klassen es wie funktioniert. Aber die Veröffentlichung halte ich für schwierig.

Für die Eltern wäre das aber eine Entscheidungshilfe abseits der Flüsterfront.

Jein. Ich habe lange in England gearbeitet und bemerkt: Wo es viele „Rankings“ gibt, steigen die Immobilienpreise rund um „gute Schulen“, und es gibt außerdem „learning to the test“. Uns ist ganzheitliche Bildung wichtig. Es geht nicht nur um Fächerwissen, sondern auch um Resilienz, Selbstvertrauen, gute Manieren. Das lässt sich an solchen Bildungsstandards nicht ablesen.

Hand aufs Herz: Haben wir nicht in Wahrheit eine Bildungskatastrophe, wenn die Hälfte der Wiener Erstklässler dem Unterricht gar nicht folgen kann? Kann das Schulwesen das überhaupt ausgleichen? Es muss uns gelingen! Meine Schule hat gezeigt, an welchen Schrauben man drehen kann, um ein attraktiver Standort zu werden. Österreich ist ein Einwanderungsland. Bei uns in Aspern gibt es rund 45 Prozent Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache, die aber vielfach in Österreich sehr gut etabliert sind. Man muss sich von der Vorstellung verabschieden, dass Kinder mit nichtdeutscher Muttersprache automatisch einen Brennpunkt bilden.

Sie waren eine Brennpunktschule mit geringen Schulanmeldungen und vielen Problemen. Wie wurde daraus ein Erfolgsmodell?

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Ich habe nicht nur als Pädagogin, sondern auch mit betriebswirtschaftlichen Blick auf die Schule geschaut. Bei uns im 22. Bezirk gibt es einen Run aufs Gymnasium. Für die, die dort keinen Platz bekommen, wollte ich ein besseres Angebot als bisher bieten. Wir haben an vielen Schrauben gedreht: mit einem Modulsystem, Kooperationen mit weiterbildenden Schulen, Konsequenzen bei Problemen. Wir rücken Positives in den Vordergrund und geben Rabauken nicht zu viel Raum. Heute haben 38 Prozent unserer neu aufgenommenen Schülerinnen und Schüler AHS-Berechtigung und kommen trotzdem zu uns.

Was machen Sie mit Problemschülern, denen alles wurscht ist?

Es gibt bei uns keinen mehr, dem alles wurscht ist. Das war der wichtige Turnaround. Wenn es Konflikte gibt, kümmern wir uns in der Schule darum, was viel Zeit kostet. Wir setzen uns mit allen an einen Tisch und urteilen nicht schnell, wer Opfer, wer Täter ist. Wir überlegen auch, wie die Wiedergutmachung ausschauen und wie man aus Fehlverhalten lernen kann.

Wenn man etwas zerstört, muss man es reparieren?

Genau. Bei Verunreinigung muss zum Beispiel der Schulwart bei der Hofreinigung unterstützt werden. Es gibt keine Strafe von oben herab.

Treten Konflikte wegen religiöser Regeln – Stichwort Ramadan – auf?

Nein, es gibt eine gute Durchmischung aus 28 Nationen. Schwierig wird es an Standorten, wo geballt eine Nationalität vorherrscht.

Gibt es Männer, die Ihnen nicht die Hand reichen?

Ja, ein Papa. Bei einem Schüler hätte ich das nicht akzeptiert, weil der in Österreich Erfolg haben muss, den er nicht kriegt, wenn er einer Frau nicht die Hand gibt. Für mich war es bei dem Mann nicht ein Zeichen des mangelnden Respekts, sondern seines Glaubens. In dem japanischen Konzern, in dem …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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