
Als Lionel Scaloni im Spätsommer 2018 die argentinische Nationalmannschaft nach dem enttäuschenden WM-Abschneiden in Russland übernahm, sahen viele in ihm nur eine Übergangslösung. Scaloni hatte kaum Erfahrung als Cheftrainer, keinen großen Namen und keinen spektakulären taktischen Hintergrund. Der frühere Rechtsverteidiger war für viele nicht der Mann, der Argentinien aus der Krise führen sollte.
Heute darf er sich Weltmeister und Copa-America-Sieger nennen und erfolgreichster argentinischer Teamchef der jüngeren Vergangenheit.
Arbeit im Schatten
Ein Grundstein liegt wohl in Scalonis Spielerkarriere. Der Mann mit argentinischem und italienischem Pass war nie ein Spieler für die großen Schlagzeilen. Auch nicht bei Deportivo La Coruna, Lazio Rom oder Atalanta Bergamo. Er war einer, der Aufgaben erfüllte, Räume schloss und die Arbeit machte, die andere glänzen ließ. Mit Blick auf das aktuelle argentinische Team wirkt das wie das große Erfolgsgeheimnis.
Scaloni ist kein Trainer mit einem fixen System. Einmal lässt er hoch pressen, einmal tiefer verteidigen. Seine Formationen passen sich fließend dem Spiel an. Entscheidend ist nicht die Theorie, sondern die Lösung für den jeweiligen Gegner. Der 48-Jährige an der Seitenlinie ist dabei ruhig, konkret und hört zu, wenn ihm die Spieler ihre Sicht der Dinge schildern. Nach dem Halbfinale gegen England ging ein Video viral, in dem ihm Leandro Paredes ein Problem im Spiel beschreibt und Scaloni ihm lange ein Ohr schenkt:
Geprägt wurde Lionel Scaloni in seiner Entwicklung von verschiedenen Trainerpersönlichkeiten. Darunter auch Finalgegner Luis de la Fuente: Als Scaloni nach seiner Spielerkarriere die UEFA-Pro-Lizenz in der spanischen Fußballakademie in Las Rozas absolvierte, gehörte de la Fuente zu seinen Ausbildnern. Oder Carlo Ancelotti, dessen ruhige Menschenführung ihn ebenso beeindruckte wie die Fähigkeit, große Persönlichkeiten zusammenzuführen.
Fingerspitzengefühl
Und genau das ist wohl der Schlüssel zu Scalonis Arbeit mit dem Nationalteam. Denn mit einem Lionel Messi im Team (mit dem Scaloni übrigens selbst zweimal im Nationalteam spielte) braucht man besonderes Fingerspitzengefühl.
Als Argentinien nach Jahren der Enttäuschungen 2022 endlich den WM-Titel gewann, war das auch das Ergebnis einer besonderen Kabinenkultur, für die wohl auch Scaloni verantwortlich zeichnet. Der Teamchef musste eine außergewöhnliche Situation moderieren: einen Spieler, den viele seiner Mitspieler seit ihrer Kindheit bewunderten, und eine Gruppe junger Profis, die bereit waren, für diesen alles zu geben.
Eine solche Hierarchie kann eine Mannschaft lähmen. Scaloni machte sie zu ihrer Stärke. Er versuchte nie, Messis Sonderstellung künstlich zu beseitigen, und schuf stattdessen eine Umgebung, in der jeder Spieler seinen Wert hatte.
Die Mannschaft arbeitet für Messi, aber er arbeitet genauso für die Mannschaft.
Diese Balance herzustellen, war womöglich Scalonis größte Leistung. Einen Superstar nicht kleiner zu machen, sondern ihn so einzubinden, dass die anderen Spieler über sich hinauswachsen – für ihn.
In Argentinien trägt diese Generation längst den Spitznamen „La Scaloneta“. Nach Jahren der Enttäuschung entstand wieder Vertrauen in die Nationalmannschaft. Nicht durch Lautstärke, nicht durch einen großen Namen an der Seitenlinie, sondern durch das Verständnis, dass Fußball nicht allein von Systemen entschieden wird. Sondern auch von Menschen.
Source:: Kurier.at – Sport



