Jedermann nackt und bloß: „Zieh dir was an! Ist doch peinlich …“

Kultur

Der Domplatz, der gar nicht so heimliche Hauptdarsteller des Spiel vom Sterben des reichen Mannes, durfte bei der diesjährigen Premiere des „Jedermann“ der Salzburger Festspiele wieder mitspielen, denn selbiges tat auch das Wetter – nach einem leichten Gewittern am späten Nachmittag.

Im Vorjahr bat Regisseur Robert Carsen das Publikum noch, zu beten, dass das Schönwetterfenster anhält, dieses Jahr hatte man offenbar mehr Gottvertrauen. Nur die obligate Stimme aus dem Off (diesmal freilich nicht mehr Ex-Intendant Markus Hinterhäuser, sondern „Glaube“-Darstellerin Juliette Larat) meldete sich zu Wort und bat, die Handys auszuschalten.

Livestream am „Ländsitz“

Philipp Hochmair als Jedermann lässt es sich aber nicht nehmen, den Einzug vor seinem stattlichen Haus per Smartphone live zu streamen. Den Landsitz bezeichnet er – englisch ausgesprochen – noch einmal als „Ländsitz“. Die ungemein ökonomisch und dennoch stimmungsvoll gestaltete Bühne von Carsen und  Luis F. Carvalho funktioniert wie eh und je als Kirchenvorplatz, Lustgarten und Ballroom mit goldfarbenen glitzernden Discokugeln.

Carsens textgetreue, aber optisch ins Heute geholte Inszenierung (Kostüme: Luis F. Carvalho) hat auch im dritten Jahr keine wesentlichen Änderungen erfahren. Die ohnehin bereits gestraffte Textversion wurde nur in Details weiter abgeschliffen. Komplett abgenützt hat sich das Ganze noch nicht, wenngleich die per Bühnenfoto erfolgte Ankündigung eines splitternackten Jedermann den Verdacht weckt, dass man der eigenen Wirkung nicht gänzlich traut und irgendeinen Effekt setzen wollte.

Neuigkeiten gab es vor allem bei der Besetzung zentraler Frauenrollen. Und gleich die prominenteste wusste nicht zu überzeugen. Roxane Duran als neue Buhlschaft wirkte nicht nur wie eine Beifahrerin des Hofmannsthal-Textes, sie ist auch dem Jedermann bloß eine Begleiterin. Während Deleila Piasko in den vergangenen beiden Jahren den reichen Schnösel bei dessen glamouröser Dance-Party mit wummenden Beats (Musik: Ensemble 013) noch selbstbewusst beim Tango führte, wirkt Durans Buhlschaft eher wie ein blasses Mauerblümchen, das ihren „Buhlen“ verlegen anhimmelt.

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Mit Jedermanns Mutter ist eine weitere zentrale Rolle neu besetzt. Daniela Ziegler legt die herzliche, aber besorgte Frau Mama unaufgeregt an, was keine gesteigerten Emotionen freisetzt. Gar naiv geht die Mutter dem Sohnemann auf den Leim, als dieser nun tatsächlich einen Ehering präsentiert, den er seiner Geliebten überreichen möchte.

Begeistend in der Doppelrolle

Begeistern konnte allerdings die kurzfristig für die Burgschauspielerin Sylvie Rohrer eingesprungene Meike Droste in der so wichtigen Doppelrolle des armen Nachbarn/Werke. Sie führt die beiden Parts mit faszinierender Glaubwürdigkeit an die Leistung von Dörte Lyssewski aus dem Jahr 2024 heran. Bei Carsen begleiten der Glaube (einnehmend: Juliette Larat) und die (guten) Werke Jedermann beim Gang in die Grube. Diese Szenen, als die Bühne von jeglichem Tand befreit ist, wirkt in ihrer strengen Reduktion nach wie vor eindringlich. Der kanadische Regisseur setzt wohldosiert auf christliche Symbolik wie der Fußwaschung.

Das übrige Ensemble macht seine Sache weiterhin ausgezeichnet. Christoph Luser verleiht seiner Doppelrolle als Guter Gesell/Teufel ungeheuerliche Präsenz. Als unverschämt lockender Gesell reitet er den Jedermann noch tiefer ins Unheil hinein. Als der bereits verzweifelt um Hilfe angesichts des nahenden Todes bittet, steckt er sich noch ein Bündel Geld ein und spendiert dem Freund als Zurüstung lediglich eine Koks-Line. Als blamierter Teufel brüllt er sich dann das Herz aus dem Leibe.

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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