Mexiko: Ein Land zwischen Protest, Euphorie und Tränen

Sport

Volle Straßen, trauernde Mexikaner – nach zuletzt vier Siegen in Folge musste sich Mexiko in der Nacht auf Montag England geschlagen geben. Die Weltmeisterschaft ist  für die Mexikaner vorbei. Gespielt wird ab dem Viertelfinale nur noch in den USA. Euphorie machte sich während der Siegesserie im Land breit. Dennoch: Das Thema der WM-Austragung war nicht immer unumstritten.

Die UNAM-Universität in Mexiko-Stadt hat in einer Studie vor Turnierbeginn über die Resonanz der mexikanischen Bevölkerung auf die Fußball-WM geschrieben. Das Ergebnis: Die mexikanische Fußballbegeisterung ist nicht mit einer bedingungslosen Unterstützung des FIFA-Turniers gleichzusetzen. Außerdem: Befragte äußerten Bedenken zu Verkehrsaufkommen, hohen Wohnkosten, Steuergeldverschwendung und der Sicherheit im Land.

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Mexiko hat institutionelle Probleme. Das Land ist durchzogen von Kriminalität und Korruption, von Armut, Ungerechtigkeit und Gewalt. Mehr als 130.000 Menschen gelten als vermisst. Im medialen Dunstnebel der WM-Berichterstattung versuchten die Angehörigen der Vermissten mit Demonstrationen und einer außergewöhnlichen Aktion auf sich aufmerksam zu machen.

Sie hielten Zettel in die Höhe. Vom Design her waren sie täuschend ähnlich zu den kleinen, abziehbaren Sammelpickerln, auf denen eigentlich Spieler wie Lionel Messi oder Marko Arnautović zu sehen sind. Bei den Angehörigen waren es andere Namen: Alberto Acosta, Diana Orona oder David Ruelas. Teilweise im Trikot der mexikanischen Nationalmannschaft. Unten, wo sich beim Original eigentlich der Verein des Spielers befindet, stand das Datum, an dem die Vermissten verschwunden sind

Pro Tag steigt die Zahl der Vermissten um 30 Personen. Die Angehörigen richteten ihre Proteste gegen die Regierung unter Präsidentin Claudia Sheinbaum. Auf Verlangen der UNO musste Mexiko vor einigen Monaten einen Bericht vorlegen. 
Das Ergebnis: Von 40.000 Personen soll es ein Lebenszeichen geben – gefunden anhand von Steuerdokumenten. Eine Zahl, die mit Vorsicht zu genießen ist, findet Journalistin Flurina Dünki. Sie beschäftigt sich seit Jahren mit Missständen in der mexikanischen Bevölkerung: „Es ist schwer vorzustellen, dass diese 40.000 Menschen einfach unter uns leben. Die Regierung wollte die Statistik nur beschönigen“.

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„In diesem Land ist nicht alles in Ordnung“ 

Um Probleme zumindest temporär zu überdecken, versuchte die Regierung von Mexiko-Stadt, die Megacity für die Fußballtouristen WM-fit zu machen. Renovierte U-Bahn-Stationen, eine halbe Altstadt, die pink angemalt wurde, und übergroße Abbilder des Nationalteams, die entlang der Avenida de la Reforma, Mexiko-Citys berühmter Prunkstraße, aufgestellt wurden. Bei einem der ersten Lehrerproteste haben die Demonstranten ebendiese Kicker umgestürzt und von ihren Trikots befreit. 

Die großen Proteste der Lehrer waren nicht zu übersehen, auch für die Fußballfans nicht, erzählt Dünki:„Zwei Drittel der Stadt waren mit Zelten besetzt. Man sieht schon: In diesem Land ist nicht alles in Ordnung.“
Die Lehrer forderten unter anderem ein besseres Sozial- und Rentensystem. Die Verhandlungen wurden schlussendlich unterbrochen. Es kam keine Einigung zustande.

„Wenn Mexiko spielt, ist die Stadt im Ausnahmezustand“

Das Land vertraut seiner Regierung nicht. Diese Annahme bestätigt auch die UNAM-Studie. Mehr als 80 Prozent bezweifeln, dass die Regierung transparent mit Steuergeld umgegangen ist, das im Zusammenhang mit der Fußball-WM ausgegeben wurde. Forscherin Illia Sizzo versucht, die Zahlen einzuordnen: „Die Kritik richtet sich nicht direkt an den Fußball. Die Mexikaner sehen, dass sie bei Regierungsentscheidungen einfach nicht berücksichtigt werden.“

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Source:: Kurier.at – Sport

      

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