Von Bildern verführt, vom Denken geleitet: Richard Prince in der Albertina

Kultur

Wer in vordigitalen Zeiten mit der Auswahl von Fotos – meist im Diaformat – zu tun hatte, benutzte einen Leuchtkasten. Ein solcher bringt Farben und Details zum Vorschein, die Bilder lassen sich im buchstäblichen Sinn unter die Lupe nehmen.

Es war ein genialer Einfall, die großen Ausstellungswände in der Werkschau des US-Fotokünstlers Richard Prince in der Albertina ebenfalls in der Art von Leuchtkästen zu gestalten (Architektur: Walter Kirpicsenko). Denn die Präsentation, die das Werk des 1949 geborenen US-Künstlers in einer ungeahnten Tiefe und Breite vorstellt, ist eine große Lehrstunde darin, was es heißt, genau auf Bilder zu schauen.

Eine trockene Lehrstunde ist es nicht, denn Prince weiß genau, was Schaulust „triggert“, wie Bilder Begehren auslösen und damit bisweilen auch problematische Instinkte wecken: Der analytische Blick fällt unweigerlich zurück und lässt den Voyeurismus erkennen, der nicht nur explizitem Material, sondern auch der Werbung und den Social Media eingebaut ist.

Auch wenn Prince in Wien noch nie so umfassend gezeigt wurde (2014 gab es eine Solo-Schau im Kunsthaus Bregenz), ist er in seinem Metier ein Weltstar. Er gilt als Hauptvertreter der „Pictures Generation“, die ab den 1970er-Jahren die visuelle Kultur mit „Bildern über Bilder“ kritisch-analytisch begleitete und sich dabei an Motiven aus Werbung und Alltag bediente. Wie ein frühes Konzeptpapier in der Schau zeigt, entwickelte sich Princes Aneignungskunst parallel zum „Sampling“ im Hip-Hop.

Raster und Rotstich

Kurator Walter Moser zeigt durch kluge Arrangements einzelner Werkblöcke, welche Fragen Princes Werk umtreiben. Jene nach der Originalität und Beweiskraft von Fotografien wird zu Beginn mit einer Serie angerissen, für die Prince 1968/’69 – auch in Wien – teils vorgefertigte Dias von Postkartenmotiven einsammelte, teils aber auch selbst fotografierte.

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Materialeigenschaften wie die Blau- und Rotstichigkeit der Dias sind in den vergrößerten Abzügen bewusst hervorgekehrt, ebenso die grobe Rasterung von Werbeanzeigen, die Prince bald auszuschneiden, abzufotografieren und zu arrangieren begann. Die Prozesse von Auswahl und Vervielfältigung rücken dabei ebenso in den Fokus wie die Codes der Werbeästhetik jener Zeit.

Mit der Serie „Cowboys“, für die Prince ab Ende der 1980er Motive von Marlboro-Werbungen monumental reproduzierte, schaffte der Künstler den internationalen Durchbruch – auch am Markt.

Die Albertina bettet die Hit-Sujets in den Kontext von Bildtafeln ein, die zeigen, dass sich Prince aber zuallererst als Bildersammler und Analyst betätigte. Pop-Papst Andy Warhol ist hier ebenso Referenzpunkt wie der Wissenschafter Aby Warburg, der mit seinem unvollendeten „Mnemosyne-Atlas“ ein zeitübergreifendes visuelles Vokabular destillieren wollte.

Cowboys und Bikerbräute

Prince allerdings stöbert weniger in der Kunst als im Vulgären, auch Abseitigen. Seine Auseinandersetzung mit den Nacktfotos des Kinderstars Brooke Shields sind ein Nebenkapitel (Moser zeigt das Werk von 1983 bewusst nicht), prominent sichtbar sind dafür die „Girlfriends“: Monumental reproduzierte Amateur-Pin-up-Fotos halb nackter Frauen auf Motorrädern aus Biker-Magazinen.

Covers von Schundromanen, Autogrammkarten und Aufnahmen bierbäuchiger Amerikaner und ihrer Autos sind ebenso Teil des Repertoires, das Prince teils auch in malerischer und skulpturaler Form verarbeitet. Seine jüngste Serie holt Instagram-Posts an Galeriewände – und zeigt, wie sich Menschen selbst zum Bild und ein Stück weit zur Ware machen.

Dass man angeleitet sein könnte, als Kunstsnob auf diese Sphäre herabblicken, bestreitet Kurator Moser vehement: Prince selbst sei …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

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