
Kilometerlang schlängelt sich der Stau durch die Hügel des Südlibanon. Freitagfrüh, nur Stunden nach Bekanntgabe der zehntägigen Waffenruhe mit Israel, machen sich Tausende vertriebene Familien auf den Weg zurück in ihre zerstörten Dörfer. In der Hoffnung auf einen längeren Frieden haben sie ihr Hab und Gut auf die Autodächer geschnallt, aus vielen Fenstern ragen gelbe Fahnen – die Farbe der Hisbollah.
Die im Süden des Landes vorherrschende Terrormiliz erkennt die Waffenruhe zwar an, war in die Gespräche aber nicht involviert. Ein Sprecher warnte die mehr als eine Million Inlandsflüchtlinge sogar davor, zurückzukehren, da Israel „in der Vergangenheit wiederholt Zusagen und Abkommen gebrochen“ habe.
Tatsächlich meldete die libanesische Armee schon in der ersten Nacht israelische Luftangriffe auf südliche Dörfer. Es war der Schlusspunkt von Gefechten: Noch am Donnerstagabend hatte Israels Armee zwei Brücken über den Litani-Fluss zerstört, worauf die Hisbollah mit Raketenangriffen auf die nordisraelische Hafenstadt Nahariya reagierte. Und weil Israel durch die Waffenruhe zwar keine „offensiven Operationen“, sehr wohl aber „notwendige Maßnahmen zur Selbstverteidigung“ gestattet sind, schlug die Armee zurück.
Etliche offene Fragen
All das zeigt: Es ist ein äußerst fragiles Abkommen – und eines, das in erster Linie der US-Präsident erzwang. Dreimal telefonierte Donald Trump US-Medien zufolge mit Israels Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu, um ihn dazu zu drängen, der Vereinbarung zuzustimmen. Er tat es wohl zähneknirschend.
Israels Regierung will den Krieg im Libanon nicht beenden. Ihr Ziel ist es, die Hisbollah so zu schwächen, dass von ihr auf Jahre hinaus keine Gefahr mehr ausgeht, ähnlich wie von der Hamas im Gazastreifen. Umfragen zufolge fordern 70 Prozent der Israelis, dass der Krieg im Libanon fortgesetzt wird. Netanjahu weiß das, ebenso wie er weiß, dass im Herbst gewählt wird.
Auch deshalb belässt Israel Soldaten in den eroberten Gebieten, die fast ein Fünftel des Libanon ausmachen. Verteidigungsminister Israel Katz erklärte, die Kriegsziele seien noch nicht erreicht worden, weil diese Gebiete nicht „demilitarisiert“ seien. Das müsse entweder auf diplomatischem Weg gelingen, „oder wir sind gezwungen, unsere Operation fortzusetzen“.
Israel fordert also, wie schon etliche Male zuvor, die Entwaffnung der Hisbollah durch die libanesische Armee. Es ist völlig fraglich, wie das gelingen soll. Die vom Iran hochgerüstete Terrormiliz gilt im Vergleich zur Armee als militärisch überlegen, die Gefahr eines Bürgerkriegs ist real.
Direkte Gespräche zwischen Netanjahu und Libanons Präsidenten Joseph Aoun gab es bisher nicht, Trump lud beide jedoch zu Verhandlungen nach Washington ein. Dabei wird es nicht zuletzt um die Frage einer von beiden Staaten anerkannten Landesgrenze gehen. Äußerungen von Netanjahu deuten darauf hin, dass Israels Regierung die eroberten Gebiete im Libanon annektieren will. Erst am Freitag erklärte er: „Wir weichen nicht zurück.“
Source:: Kurier.at – Politik



