„Digitale Einzelzelle“: Wie die Hoffnungen an das Internet ins Gegenteil gekippt sind

Kultur

Man könnte über das letzte Vierteljahrhundert für die Medien ein ziemlich düsteres Bild zeichnen. Das Werbegeld landet längst zum überwiegenden (und wachsenden) Teil bei den großen US-Plattformen. Dort geht es nicht um objektive Nachrichten, sondern um Emotion: Je zugespitzter, desto viraler. Nicht die besten Voraussetzungen für faktenbasierte Nachrichten.

Und nun kommt zu dieser Dunkelheit, die sich um die Medien aufgebaut hat, noch eine neue Schattierung dazu: Das Nutzerverhalten ändert sich wegen der Künstlichen Intelligenz (KI) erneut. Diese spuckt – etwa bei der Suchmaschine Google – gleich selbst eine Zusammenfassung der Nachrichten aus. Der Nutzer hat keinen Grund mehr, auf die Nachrichtenseite zu gehen. Die Menschen landen so zunehmend in „digitalen Einzelzellen“, wie Clemens Pig im KURIER-Gespräch sagt.

Manipulation

Pig zeichnet diese veränderte Lage im neuen Buch „Welt ohne Wahrheit“ nach: Die Demokratie stirbt in Dunkelheit, zitierte er in seinem bisher letzten Buch den Wahlspruch der Washington Post. Und diese Dunkelheit erhält durch KI nun ihre Version 2.0.

Der Geschäftsführer der APA – Austria Presse Agentur, dessen Name in der Gerüchtebörse rund um die kommende die ORF-Generaldirektion immer wieder genannt wird , bleibt aber nicht bei diesem finsteren Bild hängen. Er zeigt auch Wege aus dieser digitalen Einzelzelle auf.

„KI ist vor allem für die jüngere Zielgruppe zum Tagesbegleiter und Lebensberater geworden“, sagt der 51-jährige Tiroler. „Eigentlich sollten wir Medien das sein.“ Wenn die Menschen jedoch bei der KI ihre Nachrichten abholen, ist „die Gefahr für Manipulationen extrem hoch.“ Denn KI-Systeme werden auch an ungeprüften Nachrichten und Fake News geschult. „Wenn der Input in die KI-Systeme nicht richtig ist, kann auch der Output nicht richtig sein. Das ist der zentrale Gedanke dieser zweiten Dunkelheit.“

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Die erste Dunkelheit hatte starken Angriffscharakter: Die US-Plattformen griffen ohne Rücksicht auf die demokratische Bedeutsamkeit von Medien nach deren Werbegeld. Und nicht nur autokratische Politiker entdeckten Wege, in den Sozialen Medien mit der eigenen Botschaft den seriösen Journalismus zu überschreien. 

Ist die KI auch als derartiger Angriff auf die Medien gedacht? „Die Sichtbarkeit von Medienmarken verschwindet in der KI-Ära völlig“, sagt Pig. „Die große Sorge ist, dass sich das Internet insgesamt zu einem KI-Internet umbaut, in dem jegliche Form von Pluralität verloren geht. Man bleibt immer im Ökosystem der KI“, sagt er, von Reisebuchung über Shopping – bis Nachrichten. „Pluralität, Teilhabe, ein neues Modell für wirklich demokratische Prozesse – all das, was vor 30 Jahren die große Hoffnung an das Internet war, ist dann ins Gegenteil gekippt.“ Wieder trifft das die Medien besonders: Die Plattformen „haben zuerst den Medien durch die neuen Werbemodelle das Geld abgegraben. Jetzt werden alle Inhalte abgegraben. Ein ganz zentrales Geschäftsmodell für die Medien wird daher das Rechtemanagement und die Lizenzierung“, sprich, dass die KI-Anbieter die Inhalte der Medien nur verwenden dürfen, wenn sie dafür zahlen, so Pig.

Nicht nur in dieser Frage stehen die Medien vor einer „Herkulesaufgabe der Rückeroberung“, gesteht der Medienmanager zu. Wie ist das zu schaffen? Es braucht, sagt Pig, Kooperation bei den Medien und eine „digitale Souveränität“ in Europa. Insbesondere aber seien „strategische Demokratie-Allianzen“ vonnöten. Denn „Bildung, Wissenschaft, Wirtschaft, Politik und letztlich wir alle als Gesellschaft …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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