Ein Land kämpft gegen Femizide: „Können Frauen nicht beschützen“

Politik

„Ich kann es nicht glauben.“ Sechs Tage, nachdem die 28-jährige Amy Doherty in Nordirland ihren schweren Stichverletzungen erlegen war, stand ihre Mutter Sharon mit zitternder Stimme auf einem Podium im Stadtzentrum des nordirischen Londonderry. Um sie herum hatten sich Hunderte Menschen eingefunden, die Amys Bild oder Kerzen in die Höhe hielten. 

„Ich danke euch so sehr“, sagt sie, und der Applaus wollte lange nicht abklingen. „Auf brutale Weise“, fuhr Sharon fort, sei Amy „mir und ihren zwei Babys“ entrissen worden. Die 28-Jährige war am Morgen des 21. März mit schweren Verletzungen in einem Wohnhaus aufgefunden worden und im Spital an ihren Verletzungen gestorben. 

Eine Woche später wurde der 30-jährige Connor McNamee wegen Mordes sowie Besitzes einer Angriffswaffe (Küchenmesser) und von Betäubungsmittel (Kokain) festgenommen. Erhärtet wurde die Anklage durch den Vorwurf häuslicher Gewalt. 

In derselben Woche hatte der 36-jährige Nordire Stephen McCullagh eine lebenslängliche Haftstrafe erhalten. Er hatte zu Weihnachten 2022 seine damals 32-jährige, schwangere Partnerin Nancy McNally ermordet.

Höchste Femizid-Rate im Vereinigten Königreich

Amy und Nancy sind laut britischer Medien zwei von 30 Frauen, die seit 2020 in Nordirland durch einen Partnerschaftsmord getötet wurden. Gerechnet auf die Einwohnerzahl – Nordirland hat mit 1,9 Millionen Bewohnern weniger als Wien – ist das die höchste Zahl an Femiziden pro Kopf im Vereinigten Königreich und einer der höchsten Werte in Europa. 

Die Ursachen dafür sind vielschichtig: Zum einen haben die 30 Jahre andauernden Differenzen zwischen den protestantischen Briten und den katholischen Iren Gewalt normalisiert. Die paramilitärischen Gruppen wie die Ulster Defense League und IRA haben das gesellschaftliche Leben geprägt. Macht, Kontrolle und patriarchale Strukturen, ergründen immer mehr Studien, wirken bis ins Privatleben. 

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Jüngste Untersuchungen der Universität Ulster und Queens University Belfast ergaben, dass 98 Prozent der Frauen in Nordirland im Laufe ihres Lebens mindestens eine Form von Gewalt oder Missbrauch erleben. Bei der Hälfte von ihnen passiert das vor dem elften Lebensjahr. 

„Plage“ der Frauengewalt

Es besteht dringender Handlungsbedarf, darin sind sich die beiden Nordirland-Chefinnen – Erste Ministerin  Michelle O‘Neill von Sinn Féin und ihre Vize Emma Little-Pengelly von der Democratic Union Party – einig.  Bereits 2024 hatten sie die Kampagne „Ending Violence Against Women and Girls“ gestartet. Alle, sagt O’Neill zuletzt, müssten ihren Beitrag leisten, um die „Plage“ der Gewalt gegen Frauen zu beenden.

Mittlerweile ist das Thema auch in London auf der Agenda. 

Dieser Tage lud das britische Unterhaus zum Nordirlandausschuss in dieser Cause. Dabei ließ der nordirische Polizeichef mit einer alarmierenden Aussage aufhorchen. „Wir verfügen nicht mehr über die notwendigen Ressourcen, um diese Prioritäten angemessen umzusetzen“, sagt Jon Boutcher. 

Es sei nicht länger möglich, Straftäter auf Kaution erfolgreich zu überwachen; einzelnen Personen, denen lebensverändernder Schaden droht, erfolgreich zu beschützen. Seit 2010 sei die Ressourcenausstattung praktisch unverändert. 

Sharon Dohertys Appell im Stadtzentrum von Londonderry richtete sich also auch an die Politik. „Ich möchte nicht, dass der Mord an Amy und den anderen 29 Frauen umsonst war“, sagte sie. „Alles, was wir uns wünschen, ist Gerechtigkeit für Amy.“

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Source:: Kurier.at – Politik

      

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