Wohlstand messen: Warum Ökonomen auf diese Zahl setzen

Wirtschaft

Kaum ein Begriff wird in wirtschaftspolitischen Debatten so oft verwendet wie Wohlstand. Er soll gesichert, vermehrt, geschützt oder gerechter verteilt werden. Doch was genau ist damit gemeint? Ganz einfach ausgedrückt setzt man Wohlstand mit wirtschaftlicher Sicherheit und einem hohen Lebensstandard gleich.

Viel Geld ist gleich Wohlstand – das ist jedoch viel zu kurz gegriffen, wie Jesús Crespo Cuaresma, Universitätsprofessor an der WU Wien, vor einigen Wochen im Rahmen einer Podiumsdiskussion erklärte (der KURIER hat berichtet). Es sei ein „multidimensionales Konzept“. Auf demselben Podium ergänzte Hermine Mitter, Professorin am Institut für Umweltsystemwissenschaften an der Uni Graz: „Wohlstand ist ein Begriff, bei dem man meint, einen wissenschaftlichen Konsens zu haben, aber keinen gesellschaftlichen.“

Was bedeutet Wohlstand also tatsächlich? Und warum greifen Ökonomen trotzdem so oft zu Zahlen wie Einkommen, Vermögen oder Bruttoinlandsprodukt, wenn sie ihn messen wollen? Der KURIER fragt WU-Forscherin Franziska Disslbacher.

Mehr als nur Einkommen

„In der Ökonomie gibt es eine recht spezifische Definition von Wohlstand“, erklärt Franziska Disslbacher. „Die ist aber nicht unbedingt das, was man gemeinhin darunter versteht.“ In der Forschung setzt man nämlich auf ganz klare Zahlen und nimmt, wie Disslbacher es ausdrückt, eine Abkürzung. „Wir messen ihn anhand des Bruttoinlandsprodukts. Hier geht es um materiellen Wohlstand.“ Wohlstandszuwachs wird also mit Wirtschaftswachstum gleichgesetzt. Ist die Arbeitslosigkeit niedriger und sind mehr Leute in Beschäftigung, steigt der Wohlstand. Wenn Unternehmen viele Investitionen tätigen, steigt der Wohlstand. Kurz: Alles, was Einkommen und Einkommensströme generiert, steigert den Wohlstand, führt die Forscherin aus.

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Auf den ersten Blick eine einleuchtende Definition – mit einem Haken. Paradoxerweise steigt hier nämlich der Wohlstand auch, wenn es zu einer schlimmen Umweltkatastrophe kommt und viel Geld ausgegeben werden muss, um die Schäden zu beheben. „Weil so Einkommen generiert wird“, sagt die Expertin. Die Zerstörung, die solche Katastrophen hinterlassen, wird in diesem Wohlstandsbegriff jedoch nicht berücksichtigt. Das ist ein zentraler Kritikpunkt am Konzept. Unsicherheiten und fehlende Stabilität, egal ob ökonomisch oder geopolitisch, werden hier nicht abgebildet. Studien zeigen jedoch, dass viele Menschen genau solche Themen mit Wohlstand verbinden. 

Das bestätigt der World Happiness Report 2026, der heuer im März veröffentlicht wurde. Was laut dem Bericht glücklich macht, sind soziale Sicherheit, Vertrauen, Gesundheit und gute Versorgung, gerecht verteilter Wohlstand sowie Nähe zur Natur. Genau solche Aspekte versucht die sogenannte Wohlfahrtsökonomie stärker mitzudenken. „Da geht es mehr um das individuelle Wohlbefinden. Das ist mehrdimensionaler“, sagt Disslbacher. Darunter fallen etwa Themen wie Gesundheit, Zugang zu Bildung, Zeitautonomie und Zeitwohlstand. „Wir nennen das auch Nutzen oder Lebenszufriedenheit“, erklärt sie. Wohlstand meint hier also nicht nur Einkommen, sondern auch die Frage, wie zufrieden Menschen sind.

Warum es Zahlen braucht

Die Grenzen der Wohlstandsmessung seien den Wissenschaftern sehr bewusst, sagt Disslbacher. „Kaum eine Ökonomin oder ein Ökonom würde das BIP als super Wohlstandsmaß verteidigen.“ Trotzdem würde man es verwenden, um die Wohlstandsentwicklung sinnvoll beobachten und messen zu können. „Ohne Definition kann man auch nicht quantifizieren, die zeitliche Entwicklung nicht verfolgen und nicht vergleichen“, sagt sie.

Und man muss ehrlich zugeben: Wer mehr verdient, hat oft mehr Sicherheit, mehr Möglichkeiten und ist meist auch einfach glücklicher, wie Jesús Crespo Cuaresma von der …read more

Source:: Kurier.at – Wirtschaft

      

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