Hinter den Kulissen des Song Contests in Wien: Eine Woche Ausnahmezustand

Kultur

So eine Song-Contest-Woche ist voller Emotionen. Für die Fans: Wird es mein Land ins Finale schaffen? Wird der Favoritensong gewinnen? Wird mein Wackeldiscokugel-Haarreif in den Landesfarben den Abend überstehen? Werde ich mir die „Tanzschein“-Choreografie merken? Aber auch für Journalisten: Schaffe ich es rechtzeitig von der Probe zur Lordi-Pressekonferenz? Werde ich heute von Maskottchen Auri zu einer Umarmung genötigt? Sitze ich im Pressezentrum bei der Finalshow neben Journalisten aus einem Land, das eine siegessichere Lautstärke vorlegt oder, nun ja, bei den deutschen Kollegen?

Denn man muss das erklären: Der Eurovision Song Contest ist mit überwältigender Wahrscheinlichkeit die einzige Veranstaltung, bei der man im Mediencenter auf der Suche nach einem Arbeitsplatz durch fahnengeschmückte Tischreihen geht, an denen Menschen in Pailletten-Outfits konzentriert in ihren Laptop tippen, während aufgekratzte TikTokker relativ wahllos im Raum verteilt in ihre Minimikros sprechen. Die journalistische Unabhängigkeit wird hier mitunter auf eine harte Probe gestellt. Was, der Grieche hat vorhin Katzenhauberl verteilt? Mist, verpasst. 

Ein Platz im Herzen

Die Fülle und die meist gut gelaunte Emsigkeit dieser internationalen Medienvertreter ist aber auch ein verblüffendes Zeugnis dafür, wieviele Menschen europa- und vielleicht weltweit für den Eurovision Song Contest einen ernsthaften Platz in ihrem Herzen haben – auch wenn das nicht wenige mit einer gehörigen Portion Ironie übertünchen. Wen schon die Eurovisionsmelodie (oder wie Auskenner wissen: Marc-Antoine Charpentiers „Te Deum“) anrührt, der ist nicht allein, wie der Jubel am Start aller Show-Übertragungen im Pressezentrum bewies.

Man versteht dann womöglich eher, warum die Spaltung – hier die Kritiker einer Teilnahme Israels, da die Befürworter -, die in den vergangenen zwei Jahren den Song Contest überschattet hat, eben nicht nur eine vorübergehende Verwerfung bei irgendsoeiner seltsamen Musikshow ist. Warum Dinge, die sonst Nichtigkeiten sind, plötzlich mit schwerer Bedeutung aufgeladen werden. 

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Ein Like eines Mitbewerbers bei einem Instagram-Posting des israelischen Sängers? Vor zwei Jahren in Malmö ein Grund für gruppendynamische Schmähung durch die antisemitische Clique rund um Irlands Performerin. Nach wie vor werden solche Signale sehr genau beobachtet – und passieren ziemlich sicher nicht mehr unbedacht. Die Siegerin von Sonntag Abend, die Bulgarin Dara, hatte ihrem Kollegen Noam Bettam in dieser Woche ein Daumen-hoch spendiert zu einem Probenvideo. Bei ihrer Pressekonferenz nach dem Finale wurde denn auch betont, dass sie „nie etwas Böses gesagt hat“ über andere Kontestanten. Der Name Israel fiel jedoch nicht.

Hat jemand Spanien vermisst?

Während im Halbfinale ein Protestrufer Noam Bettans Song gestört hat, und bei der Jury-Show am Freitag, bei der KURIER in der Stadthalle war, vereinzelte Palästinaflaggen geschwenkt wurden, lief der Auftritt beim Finale vergleichsweise ereignislos. Als jedoch Israel – so wie im Vorjahr – dem Sieg wieder zum Greifen nahekam, war der Unmut darüber doch deutlich zu hören. Ausgerechnet in diesem Moment richtete Michael Ostrowski den wegen Israel boykottierenden fünf Ländern aus, dass sie vermisst werden und doch bitte nächstes Jahr wiederkommen mögen.

Aber ganz ehrlich: Man hat diese Länder keine Sekunde vermisst. Die Songliste war auch so reichhaltig an Spezialitäten, die Eurovision hervorbringt: einige sehr hohe, sehr lange Töne (Frankreich, Ukraine), Rockmusik mit und ohne Oper (Rumänien und Serbien), Großraumdisco mit Lasershow (Schweden), Nonsensrap …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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