Experte: „Man muss verrückt sein, um Atomwaffen freiwillig aufzugeben“

Politik

Serhii Plokhy lebt schon seit den 1990ern nicht mehr in seiner Heimat, weltweit ist der Historiker aber einer der versiertesten Ukraine-Erklärer. Jetzt hat der 68-Jährige, der in Harvard das Ukrainian Research Institute leitet, sich mit der Atombombe befasst: In seinem neuen Buch „Das Zeitalter der Atombombe“ warnt er vor einer großen Nuklearkatastrophe. Der KURIER traf den mehrfach ausgezeichneten Wissenschaftler bei seinem Besuch in Wien.

KURIER: Sie schreiben, die Gefahr einer nuklearen Eskalation steige. Sind wir einem Atomkrieg heute näher als während des Kalten Krieges?

Serhii Plokhy: Unsere Zeit ist mit der Situation vor der Kuba-Krise vergleichbar. Damals gab es ein unkontrolliertes Wettrüsten zwischen der Sowjetunion und den USA, es existierten keine Abkommen zur Rüstungskontrolle. Dahin sind wir heute zurückgekehrt, die meisten Kontroll- und Abrüstungsverträge sind verschwunden. Und die Lage ist potenziell gefährlicher, weil es mehr Atommächte gibt: Wie 1962 existieren zwei Supermächte, Washington und Moskau, dazu versucht China, seinen Status als wirtschaftliche Supermacht militärisch und nuklear zu untermauern.

Warum ließen die USA und Russland die nukleare Abrüstung eigentlich auslaufen? 

Die USA wollten ihre Vormachtstellung in der unipolaren Welt der 1990er sichern. Russlands Reaktion darauf war ebenfalls der Ausstieg aus den Verträgen, weil das Land – anders als die UdSSR – nur noch eine zweitklassige Wirtschaftsmacht war. Der einzige Supermachtstatus, der aus dem Kalten Krieg übrig blieb, war der nukleare. Atomwaffen sind Russlands Trumpfkarte, damals wie heute.

Obama und Medwedew paktierten zwar ein Rüstungskontroll-Abkommen, doch das lief aus. Trump hat nun sogar die Idee des Star-Wars-Raketenschildes Reagans aufgegriffen, um sich vom Modell der gegenseitigen nuklearen Zerstörung zu entfernen. Den USA geht es nicht nur um den Großmachtstatus, sondern auch um mehr Sicherheit.

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Angst ist also auch bei Supermächten ein treibender Faktor. Wenn Russland gezielt ukrainische AKW angreift, hat das weniger mit Furcht zu tun.

Das ist eine völlig neue Gefahr. Zum ersten Mal in der Geschichte wird Krieg auf dem Gelände von AKW geführt – mit ein Grund, wieso die Lage heute gefährlicher ist als 1962. Begonnen hat das am ersten Tag der Invasion mit der Besetzung von Tschernobyl, später folgte Saporischschja. Auch im Nahen Osten wurden drei iranische Drohnen gestoppt, bevor sie ein AKW erreichten.

Die Ukraine hätte auch die Möglichkeit, Drohnen gegen russische AKW einzusetzen. Würde Kiew das tun?

Das Spiel kann von mehreren Seiten gespielt werden, aber derzeit konzentrieren sich alle eher darauf, ob Putin seine Atomwaffen einsetzen würde. In Europa herrscht ja die Vorstellung, man müsse nett zu Russland sein, damit der Krieg nicht nuklear eskaliert. Jetzt sollte man darum wohl auch nett zur Ukraine sein.

Denken Sie, Europa führt darüber Gespräche mit Kiew?

Ich bin sicher nicht der Erste, der sich das ausmalt. Seit Russland das Tabu eines AKW–Angriffs gebrochen hat, leben wir in einer neuen Welt: Das alte Wettrüsten ist zurück, zeitgleich entstehen völlig neue Möglichkeiten, einen Atomkrieg auszulösen. Seit die Ukraine 2025 bei der Operation „Spiderweb“ mit billigen Drohnen 40 Militärflugzeuge in Russland zerstört hat, – scheint es möglich, praktisch jedes Ziel anzugreifen – und Sicherheitsapparate suchen hektisch nach Antworten.

Wie können die aussehen?

Wir müssen Maßnahmen entwickeln, ein solides internationales Regelwerk schaffen und die Fähigkeiten aufbauen, …read more

Source:: Kurier.at – Politik

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