Syrischer Erzbischof in Wien: „Ich kann niemandem zur Rückkehr raten“

Politik

Drei Monate lang begrenzte sich die Welt für Jacques Mourad auf ein heruntergekommenes Badezimmer. IS-Kämpfer hatten im Mai 2015 sein Kloster im syrischen Wüstenort Qaryatein gestürmt und ihn gemeinsam mit einem Priesterkollegen nach Raqqa gebracht, in die damalige Hauptstadt des selbsternannten „Islamischen Staates“. Dort wurden die beiden Christen in ein Badezimmer gesperrt, weil sie als „unrein“ galten. 

Immer wieder setzten die Männer ihnen das Messer an die Kehle: „Wenn ihr nicht zum Islam konvertiert, köpfen wir euch.“ Doch dazu kam es nicht. Stattdessen durfte Mourad mit hunderten weiteren christlichen Gefangenen nach Qaryatein zurückkehren – eine Stadt, die damals täglich von der syrischen Armee bombardiert wurde. 

Erst im Oktober 2015 gelang ihm durch die Hilfe muslimischer Zivilisten, die später allesamt vom IS ermordet wurden, die Flucht. „Für mich war das ein Wunder“, sagt Mourad.

Auch heute noch tägliche Gewalt in Syrien: „Wir sind nicht frei“

Mehr als zehn Jahre später sitzt Mourad als syrisch-katholischer Erzbischof von Homs in Wien und erzählt vor Journalisten von einer anderen Nacht, die ihn ebenso geprägt hat. Es war der 8. Dezember 2024, der Tag, an dem das Assad-Regime fiel. „Für mich war es die erste Nacht ohne negative Gefühle, ich habe so ruhig geschlafen“, erinnert sich Mourad. Und das, obwohl die Menschen auf den Straßen von Homs vor Freude in die Luft schossen. Zwei Wochen lang sei er, sei die ganze Stadt „wahnsinnig glücklich“ gewesen.

Dann kam der 25. Dezember, der Christtag. In Homs gingen Alawiten auf die Straße, um gegen Gewalt durch die neue Regierung um den einstigen islamistischen Rebellenführer Ahmed al-Scharaa zu protestieren. Nach fünf Minuten war der Protest vorbei – die Polizei hatte auf die Demonstranten geschossen, viele waren geflohen. „Das war ein trauriger Moment, an dem mir klar wurde: Wir sind nicht frei“, so Mourad.

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Der Erzbischof zeichnet ein düsteres Bild von seiner Heimat, wo sich die Sicherheitslage seit dem Machtwechsel nur für die sunnitisch-muslimische Mehrheitsbevölkerung verbessert habe. In jenen Regionen, in denen Minderheiten leben, sei der Alltag dagegen weiterhin lebensgefährlich: „Jede Woche wird jemand getötet.“ 

Erst vorige Woche sei in Homs eine junge Frau mitsamt ihrer zwei Kinder einfach auf der Straße erschossen und ausgeraubt worden.

Christen stehen noch nicht einmal im Fokus der Verfolgung

Zahlen bestätigen den Eindruck des Erzbischofs. Im Weltverfolgungsindex 2026 des Hilfswerks Open Doors ist Syrien vom 18. auf den 6. Platz jener Länder gesprungen, in denen Christen am stärksten verfolgt werden – der größte Sprung seit der Erstveröffentlichung der Liste. 

Im Juni 2025 tötete ein Selbstmordattentäter 22 Menschen in der griechisch-orthodoxen Mar-Elias-Kirche in Damaskus, im März 2026 griffen bewaffnete Kämpfer Christen im Ort Suqaylabiyah nahe Hama an. Lebten vor dem Bürgerkrieg noch rund zwei Millionen Christen in Syrien, sind es laut Mourad heute noch 300.000 bis 350.000.

Dabei stünden Christen nicht einmal im Fokus der Verfolgung durch die neuen Machthaber. Der richte sich vor allem auf die Alawiten, denen man Nähe zum alten Assad-Regime unterstellt – auch die Diktatorenfamilie gehörte dieser Minderheit an -, und die Drusen im Süden. 

Beide Gruppen spalteten sich einst vom Shia-Islam ab, würden für al-Scharaa und seine Anhänger also als „fehlgeleitet“ …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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