
Es ist ein seltener Glücksfall, wenn bei einer Opernproduktion einmal so gut wie alles passt. Und es ist ein besonders seltsamer Fall, wenn diese Produktion (seit der Entstehung freilich abgeändert), als kreatives Konstrukt im Prinzip schon 18 Jahre alt ist. Was das über den Opernbetrieb aussagt, muss wohl jeder für sich selbst beantworten. Im besten Fall zeigt es, dass Qualität Bestand hat. Und ist kein Widerspruch zur grundsätzlichen Anforderung an das Musiktheater, dass es regelmäßig Neuinterpretationen braucht (die auch schiefgehen können).
Die Rede ist von Mozarts „Così fan tutte“ bei den Salzburger Festspielen, die vom Publikum mit viel Applaus bedacht wurde. Die Regie stammt von Christoph Loy, der das Werk 2008 auf die Bühne der Frankfurter Oper gebracht hatte und dafür auch den Theaterpreis „Faust“ bekam. Schon damals stand für ihn die Reduktion auf die Psyche, auf das Seelenleben der Protagonisten und die Personenführung in einem völlig weißen Ambiente im Zentrum.
2020 inszenierte er „Così“ dann für Salzburg neu: in einer gekürzten Fassung, ähnlich jener von Karl Böhm nach dem Zweiten Weltkrieg, ohne Pause. Mit Gesichtsmaske und ohne Sitznachbarn durfte man das damals sehen, mit hunderten imaginären Babyelefanten im Auditorium.
Nun, sechs Jahre später, gibt es die Extended Version, den Director’s Cut und die Wieder-Überarbeitungs-Neuaufnahme-Premiere. Und sie ist fabelhaft.
Loy schafft es tatsächlich, das Große Festspielhaus zum idealen Raum dafür zu machen, obwohl nebenan ein Mozart für Mozart existiert. Es gibt nur eine weiße Wand mit zwei Türen auf der Bühne (Johannes Leiacker), einmal öffnet sie sich und zeigt einen Baum. Ebenfalls weiße Stufen führen in den Orchestergraben, sodass eine (diesmal auch künstlerisch erfreuliche) Einheit zwischen den Elementen besteht.
Die Sängerinnen und Sänger tragen Schwarz-Weiß, Ferrando und Guglielmo während der Verkleidungsszenen nur ein paar bunte Akzente, aber keine Faschingskostüme. Es geht also um Verdichtung und größtmöglichen Kontrast, um die Vermeidung von Ablenkung und strenge Fokussierung auf die Handlung.
Die setzt Loy, einer der Psychoanalytiker des Faches, präzise und mitreißend um, da stimmt jede Geste, da ist jede Bewegung wie eine musikalische Phrase. Vor allem (aber nicht nur) Johannes Martin Kränzle, der schon 2008 in Frankfurt dabei war, besticht als Spielleiter Don Alfonso in dieser Studie von Loy.
Bei dieser Inszenierung gibt es keine krampfig aufgesetzte Lesart, sondern eine Sezierung, sie zeigt Mozarts Werk als Psychodrama und Kammerspiel.
Das Dirigat von Joana Mallwitz am Pult der Wiener Philharmoniker passt sehr gut dazu. Ihre „Così“ ist vordergründig leicht, frisch, jung, ohne aber dabei den Tiefgang und die Differenzierung zu vernachlässigen. Am allerschönsten gestaltet sind die beiden Fiordiligi-Arien. Das Orchester spielt präzise, transparent, klangschön und ohne jede Schwere (weil zuvor von Böhm die Rede war).
Exzellent ist die Sängerbesetzung, angeführt eben von Kränzle, der den alten Philosophen auch stimmlich famos gestaltet. Es ist ein Erlebnis, ihn in dieser Rolle zu sehen und zu hören.
Elsa Dreisig begeistert als Fiordiligi mit schönem Timbre, großem Stimmumfang, toller Höhe, klaren Linien und ohne Vibrato, das man bei dieser Rolle von dramatischeren Sängerinnen so oft hört. Sie ist eine Idealbesetzung. Victoria Karkacheva als Dorabella (die einzige Neue im Ensemble im Vergleich zu 2020) agiert solide, aber nicht …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



