„Die Walküre“: Quizshow für Wagner-Kenner

Kultur

Erster Tag von Richard Wagners „Der Ring des Nibelungen“ im Bayreuther Festspielhaus nach dem völlig missglückten Vorabend „Rheingold“ – und es ist von einem Erfolg zu berichten: Die Künstliche Intelligenz hat Christian Thielemann noch nicht wegrationalisiert, er steht weiterhin am Pult und dirigiert das glänzende Orchester (wenn auch im speziellen Bayreuther Graben unsichtbar). Aber es klingt so schön, so differenziert und zwischendurch auch sehr mächtig und undistanziert deutsch (etwa beim Walkürenritt, der so oft missbrauchten Hitnummer der Oper), dass es sich wohl um ihn gehandelt hat.

Auch gesungen wird auf der Bühne immer noch hörbar live, wenigstens das verbleibt im Operngenre. Und sonst?

Das Missverständnis geht weiter.

Festspielchefin Katharina Wagner hat zum 150-Jahr-Jubiläum der Wagner-Festspiele, die 1876 mit dem „Ring des Nibelungen“ eröffnet wurden, eine Regie durch Künstliche Intelligenz ersetzen lassen. Die wurde von Kurator Marcus Lobbes gefüttert und projiziert spontan und offenbar bei jeder Aufführung andere Bilder aus der Bayreuther „Ring“-Geschichte sowie Assoziationen (sofern ein Computer assoziiert, sagen wir lieber, er rechnet hoch) auf eine Leinwand vor und eine hinter den Sängern. Diese sind quasi dazwischen eingequetscht, und irgendwie wirkt es, als würden sie aus einem riesigen Fernsehapparat heraus singen.

„Die Walküre“ wird mit den Bilderfluten, die die KI ausspuckt, solcherart zum Live-Film-Event, einer neuen Form von Public Screening. Und das gemeinsame Fernschauen pervertiert im Sinne von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer streng genommen Wagner: Die beiden haben Film, Fernsehen und Massenkultur zynisch als „hohnlachende Erfüllung des wagnerianischen Traums vom Gesamtkunstwerk“ bezeichnet. Auch auf dieser Meta-Ebene ist der Ansatz zum neuen „Ring“ in Bayreuth also grundfalsch.

  Zwei Paare zerfleischen sich beim Dinner: „The Invite“

Die Protagonisten bewegen sich eher wie Fernsehsprecher und nicht wie Actionhelden, sie werden optisch zu winzigen Figuren in diesen sich permanent ändernden bildlichen Zitaten. Aber das macht nichts, weil ohnehin keine Personenführung vorgesehen ist in dieser Nicht-Regie (vielleicht auch, weil alle Sänger Sensoren für die KI auf dem Kopf tragen, die sie limitieren), Interaktion existiert kaum. Dass Siegmund im ersten Aufzug Nothung, das Schwert, aus dem Stamm der Esche zieht – man sieht es nicht. Dass Hunding im zweiten Aufzug Siegmund tötet – wen kümmert es. Die Sänger sehen auch alle gleich aus in ihren absurden Einheitskostümen, die an ausgestorbene Vögel erinnern.

Wer seine „Walküre“ nicht intus hat, versteht hier nichts. Dafür werden Kenner wie bei einer Quiz-Show oder bei Oskar, dem einstigen Schnellzeichner, herausgefordert mitzuraten, was man auf den alles überlagernden Bildern gerade sieht. Zumeist handelt es sich um eine Szene aus einer der 15 „Ring“-Inszenierungen der Festspielgeschichte. Sehr prominent kommt Hermann Nitsch vor (bei der Todesverkündung), der 2021 in Bayreuth „Die Walküre“ mit einer Mal- und Schüttaktion live bebildert hatte (unvergleichlich besser als das nun zu Sehende). Und natürlich müssen in Bayreuth auch Adolf Hitler und der Nürnberger Reichsparteitag zu sehen sein, auch die KI ist nur so gut, wie man sie nützt.

Eine Sache muss man ihr allerdings zugute halten: Sie lernt rasch und war bei der „Walküre“ etwas weniger nervös und aufgekratzt. Vielleicht hat man sie nach „Rheingold“ mit einigen bösen Rezensionen gefüttert.

Es scheint auch eine Spur klarer zu werden, was das Ganze soll: ein …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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