
Dreiundsiebzig Quadratmeter. So heißt dieser Roman und so groß ist die Wohnung, in der seine Erzählerin aufgewachsen ist. Deren Mutter hat hier in einer Siedlung am Rande einer nicht näher genannten Stadt zuletzt allein gewohnt. Jetzt ist sie gestorben. Die Ich-Erzählerin will hier nun erledigen, was zu erledigen ist. Es riecht noch nach Mutters Lavendel-Seife, ihren Zigaretten, ihrem Nagellack („nachtrot“), den sie, stets eine Zigarette in der Hand, jeden Sonntag aufgefrischt hat. Danach hat sie sich die Augenbrauen gezupft. Und wieder geraucht. Die Erzählerin tut es ihr bald gleich. Streift durch die Andenkensammlung der Mutter, ihren Kleiderkasten, beginnt, mit derselben Gewissenhaftigkeit wie die Mutter deren Orchideen zu pflegen.
Schwieriges Verhältnis
Sie war lange nicht hier, das Verhältnis zur Mutter war schwierig. Die Kindheit war geprägt von Strenge bis an den Rand der Misshandlung. Auf dem kalten Gang hat die Mutter ihr Kind stehen lassen, zur Strafe. Auch dafür, dass dieses Kind nicht so schön und schlank und perfekt war wie gewünscht. Nach dem Tod der Mutter bleibt das Streben, es dieser recht machen zu wollen. Die Tochter nimmt nach und nach die Verhaltensweisen der Verstorbenen an. Trägt ihre Kleider und am Ende sogar ihren Haarschnitt. Sie scheint sich aufzulösen.
Body-Horror
Als „poetischer Body-Horror“ wird der Roman der niederösterreichischen Lyrikerin Isabella Feimer beschrieben. Das geht in die richtige Richtung, weckt aber womöglich falsche Erwartungen. Diese Geschichte ist subtil und bodenlos zugleich, sie erzählt auch von ambivalenten Gefühlen wie Lust angesichts der Erinnerung an Gewalt. Der Abgrund, der sich zwischen der Protagonistin und ihrer bisherigen Existenz auftut, erinnert an Erzählerinnen wie Marlen Haushofer oder deren Zeitgenossin Hannelore Valencak. Rätselhaft, doppelbödig, abgrundtief.
Source:: Kurier.at – Kultur



