Heroin und Aids in Spanien: Gestorben wurde im Geheimen in „Romería“

Kultur

Im Alter von sechs Jahren war Carla Simón bereits Vollwaise. Als sie drei Jahre alt war, starb ihr Vater an Aids infolge seiner Heroinsucht, drei Jahre später folgte der Tod der Mutter. Das Kind wuchs bei Verwandten am Land auf. Heute ist Carla Simón eine erfolgreiche spanische Filmemacherin.

Ihre Familiengeschichte hat sie in mehreren Filmen aufgearbeitet, zuletzt in „Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ (ab Freitag im Kino). Tatsächlich aber war der Tod von Carla Simóns Eltern kein Einzelschicksal, sondern Teil eines verheerenden Phänomens in Spanien, wo nach dem Ende der Franco-Diktatur 1975 ein extremer gesellschaftlicher Umbruch stattfand. Die neu gewonnene Freiheit im Land zog einen subkulturellen Boom nach sich und traf eine unvorbereitete Jugend. Eine ganze Generation stürzte sich in den 1980er-Jahren ohne das Wissen um Suchtgefahr und tödliche Folgen in den Drogenkonsum. Heroin überschwemmte die spanischen Städte, in dessen Gefolge sich das HI-Virus rasant verbreitete. In den späten 1980er- und frühen 1990er-Jahren war Spanien das europäische Land mit den höchsten Aids-Raten.

„Es handelt sich um einen sehr schwierigen Abschnitt unserer Geschichte“, sagt Carla Simón zum KURIER: „Einerseits war es ein wunderschöner Moment, weil nach der Diktatur die Demokratie geboren wurde, andererseits starb eine große Zahl an jungen Menschen an Heroin und Aids. Es gibt die Theorie, dass die damalige Regierung bewusst nur wenig unternommen hat, um die Heroinwelle zu stoppen, denn Jugendliche auf Drogen kümmern sich nicht um Politik. Ich glaube, da ist sehr viel dran.“

Die Epidemie betraf fast jede spanische Familie quer durch alle Schichten. Nachdem aber Drogensucht, Aids und Homosexualität sozial stark stigmatisiert waren, breiteten viele Angehörige aus Scham den Mantel des Schweigens über verlorene Familienmitglieder: „Es fiel den Menschen schwer, darüber zu sprechen, und so kam es, dass diese Generation totgeschwiegen wurde“, erzählt die Regisseurin: „Gleichzeitig war es aber auch genau diese Generation, die konservative Werte in etwas Fortschrittliches verwandelte, was dringend notwendig war. Ich finde, es ist unsere Aufgabe, diese Generation neu zu beleuchten und zu bewerten.“

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Heroin und Liebe

„Romería – Das Tagebuch meiner Mutter“ handelt von der 18-jährigen Marina, einer angehenden Filmstudentin, auf familiärer Spurensuche. Marina verlor – ebenso wie Carla Simón – beide Eltern aufgrund von Drogensucht und Aids und wuchs in einem anderen Teil des Landes auf. Im Jahr 2004 reist sie nach Vigo in Galicien, um die Familie ihres Vaters ausfindig zu machen und die Liebesgeschichte ihrer leiblichen Eltern zu rekonstruieren. Im Gepäck trägt sie das Tagebuch ihrer Mutter bei sich.

Sie selbst habe die Briefe ihrer Mutter an Familie und Freunde zur Verfügung gehabt und zu einem imaginären Tagebuch verarbeitet, so Simón: „Alles, was man hört, entspricht ziemlich genau den Worten meiner Mutter.“

Marinas Familie väterlicherseits – und auch das entspricht den biografischen Eckdaten der Regisseurin – ist wohlhabend und entstammt der Oberschicht in Vigo, die als „die kleine Schwester Madrids“ galt. „Deine Großeltern sind schrecklich“, heißt es einmal zu Marina, die erfahren muss, dass ihr Vater nicht, wie von ihr angenommen, 1987 verstarb, sondern erst fünf Jahre später. Ihre Großeltern hätten ihn Vater versteckt gehalten, erfährt sie, und: „Alle starben hinter verschlossenen Türen.“

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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