Islamismus-Expertin: „Sehr lange wurde die Gefahr ignoriert“

Politik

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 in den USA brachten Scholz dazu, sich mit dem Islamismus zu beschäftigen.

KURIER: Ende Juli gab es in Berlin einen islamistischen Angriff auf den Christopher Street Day mit einer Toten und vielen Verletzten. In muslimischen Foren erhielt der Attentäter sogar Applaus. Verschließen wir noch immer zu sehr die Augen vor einer Gefahr, die auch in Österreich lauert?

Nina Scholz: Prinzipiell ja. Die Tatsache, dass Anschläge in sozialen Medien, in Kommentarspalten unter Artikeln und auf arabischen Straßen gefeiert werden, zeigt, dass die Terroristen nicht isoliert sind.

Ex-Staatsschutz-Chef Omar Haijawi-Pirchner hat in einem „Presse“-Interview den islamistischen Extremismus als die größte Gefahr für die staatliche Sicherheit bezeichnet. Die Muslimbruderschaft versuche, politische und gesellschaftliche Kreise zu beeinflussen. Staatliche Stellen kooperieren aber weiterhin mit Vereinen, die der Muslimbruderschaft nahestehen. Sie sagen dasselbe. Hört denn niemand zu?

Die Gefahr wurde in der Tat sehr lange ignoriert, aber ich bemerke in letzter Zeit ein zunehmendes Interesse am Thema. Der politische Fokus war lange vor allem auf Rechtsextremismus gerichtet. Schon etwas weniger Aufmerksamkeit erhielt der Linksextremismus, und beim Islamismus – besonders dem die Gesellschaft infiltrierenden – gab es einen blinden Fleck. Ich plädiere dafür, jeden Extremismus ernst zu nehmen, und stimme Haijawi-Pirchner zu: Islamismus ist aktuell die größte Herausforderung für offene, pluralistische Gesellschaften.

Wie sind Sie eigentlich zu diesem Thema gekommen?

Ich habe zuvor mit meinem Kollegen Heiko Heinisch zu Nationalsozialismus und Antisemitismus geforscht. Dann kam 9/11, und wir begannen uns mit den Ursachen zu befassen. In der Flüchtlingskrise 2015 war uns schnell klar, dass sich bereits bestehende Probleme verschärfen werden. Einwanderung aus islamischen Ländern stellt uns vor eine historisch neue Situation. Unter Muslimen findet sich leider eine signifikant große Gruppe, die freie Gesellschaften und ihre Werte verachtet. Mit anderen Gruppen gab es vielleicht Reibungen, aber spätestens in der zweiten Generation klappte die Integration.

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Jetzt schaut das eher umgekehrt aus: Die zweite und dritte Generation der Muslime wirkt manchmal fundamentalistischer als die erste.

Die erste Generation war eine viel kleinere Einwanderungsgruppe. Wir haben auch kein generelles Migrationsproblem. Probleme haben wir vor allem mit einer bestimmten Gruppe, die die Gesellschaft als sündhaft verachtet und sich in Parallelgesellschaften zurückzieht. In manchen Ländern kann man sogar schon von Gegengesellschaften sprechen.

Wieso gibt es dann eine so hohe Motivation, hierher zu kommen?

Weil man die Vorteile – Sicherheit, Wohlstand – schätzt. Zudem kann hier ein Islam gelebt werden, mit radikalen Predigern oder der Besetzung öffentlicher Räume für Massengebete, der in einigen islamischen Ländern nicht möglich wäre.

Es wird immer der politische Islam kritisiert. Aber ist nicht der Islam per se politisch, weil er die Religion über den Staat stellt?

Gute Frage. Es gab eine lange Periode säkularer eingestellter Regierungen in muslimischen Ländern. Aber seit den 1970er-Jahren ist in der gesamten islamischen Welt eine radikale Bewegung tief in den Mainstream vorgedrungen, die sich durchaus auf die religiösen Überlieferungen beziehen kann. Sie verfolgt das Ziel, Länder und Gesellschaften auch außerhalb der islamischen Welt zu islamisieren.

Interessanterweise warnen – säkulare – Muslime besonders stark vor dem fundamentalistischen Islam.

Der organisierte Islam ist in meinen Augen durchgehend islamistisch. Es gibt Einzelpersonen und kleine Gruppen …read more

Source:: Kurier.at – Politik

      

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