Salzburger Festspiele: Lichtgestalt statt Menschenfeind

Kultur

Was für ein unverhofft glückhaftes Ereignis! Das Publikum war entzückt, selbst jenes, das bei Rap die Nase rümpft. Dabei hatte Jette Steckel es ihm mit ihrer Umsetzung von Molières Komödie „Der Menschenfeind“ nicht gerade leicht gemacht.

Denn die Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Thalia Theater Hamburg, die am Samstag im Landestheater Premiere hatte, beginnt mit einem abgefahrenen Hip-Hop-Gig – noch vor Vorstellungsbeginn. Man fällt geradezu hinein und ist verblüfft: Auch das Bühnenhaus ist eine Tribüne, man befindet sich in einer Kampfarena – für einen Battle mit Worten, für einen verbalen Schlagabtausch nach dem anderen.

Doch so schnell ist die Regisseurin mit ihrem kongenialen Team nicht bei der eigentlichen Handlung rund um den miesepetrigen Alceste, von dem man zumindest behaupten kann, dass er ein Mann mit Prinzipien ist. Sie nimmt einen ziemlichen Umweg, um das Stück aus 1666 in der Gegenwart zu verorten.

„Kunst ist in der Krise“

Und zwar in der Gegenwart. Eben mit einem Poetry-Slam als Gegenstück zu den Alexandrinern, in denen Molière dichtete. Ein Mann im rosaroten Kostüm mit üppiger Rüschen-Hose und Bomberjacke aus Seide besingt wortreich den Zeitgeist, gespickt mit all den Neologismen der Jugend und etlichen absurden Reimen: „Kunst ist in der Krise / Unterkeller deine Wiese …“

Danach geht’s mit „Check in Check out“ (abgedruckt im Programmheft) weiter: „Bist du Herzensbrecher / Oder fromme Schwester / Weltverbessrer/ Punk im Tesla …“ Wer genau zuhört – der Text von Deichkind-Mitglied UWE läuft oben in der Bühneneinfassung mit –, wird richtungsweisende Wörter entdecken, darunter „Célimène“, wie die Angebetete von Alceste heißt, oder „Aubergine“.

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Wirklich anfangen kann man mit diesen eingestreuten Schnitzeln noch nichts. Aber dann, nach der dritten Darbietung, ist die fulminante Show vorbei. Der Barde tritt ab, der Musiker an der Drum Machine verneigt sich kurz. Der zweite Teil gehört in erster Linie ihm. Denn Matthias Jakisic untermalt mit seiner E-Geige synchron die ziemlich abstrakte Lichtshow, also die auf einen heruntergelassenen Gaze-Vorhang projizierten Flächen und Pünktchen. Und er kommentiert die rasante Abfolge: „Das war gestern noch anders!“

Melanzani und Marille

Doch Jette Steckel überlässt nichts dem Zufall, es handelt sich um einen eingespielten „Film“. Und zwischendurch blitzen Emojis auf, darunter eine Melanzani (um nicht Aubergine schreiben zu müssen). Oder eine Marille. Oder ein dampfender Scheißhaufen. Trotz Stummfilm: Wir sind im Jetzt der Kommunikation. Und um Kommunikation (geheuchelt oder ehrlich) geht es im „Menschenfeind“.

Dieser zweite Teil dauert vielleicht fünf Minuten. Das von Steckel verwendete Wort „Triptychon“ ist daher nicht ganz korrekt. Denn im klassischen Sinn (Dreiflügelaltar) bildet der Mittelteil das Zentrum. In dieser zweieinviertelstündigen Inszenierung aber sind die ersten zwei Teile nur die Einstimmung auf den Text von Molière.

Das Konzept der Abstraktion hält die Regisseurin beinhart durch: Das Ensemble agiert in einem schmalen Streifen über dem Orchestergraben – in einem breiten Rahmen aus Lichtflächen (Bühne von Florian Lösche). Mitunter wendet es sich zum Saal oder zur Zusatztribüne, in der Regel aber sind die Spielenden einander zugewandt: Ihre Figuren halten Blickkontakt, gehen aufeinander ein. Das ist ja im Heute nicht so selbstverständlich.

Kostüme in Signalfarben

Aber sie sind mehr oder weniger (menschliche) Schablonen, jede und jeder hat …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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