
Es verblüfft, wie gegenwärtig die Beschreibungen anmuten: „Nach Aufnahme seiner Tätigkeit stellt sich der Bio-Adapter optisch und akustisch nach den Erkenntnissen der Public-Relations-Technik als angenehmer Gesprächspartner vor“, heißt es – wer denkt da nicht gleich an einen KI-Chatbot?
„Der Mensch äußert verschiedentlich Wünsche, welche der Adapter auf das Gewissenhafteste zur Richtschnur seines weiteren Verhaltens macht. Jede Äußerung ist dabei von Wichtigkeit, weil sie als Hinweis zur Austestung der Wahrnehmung, des Weltbilds und der Normen des Bio-Moduls verwendet werden kann.“
Mit dem „Bio-Modul“ ist der Mensch gemeint – oder besser: jenes manipulierbare Subjekt, das Oswald Wiener in seinem Text „Der Bio-Adapter“ durch ein technisches Super-Bewusstsein überwunden sah.
Wieners Text, der 1969 erschien, antizipierte viel von dem, was heute im Zusammenhang mit Künstlicher Intelligenz, Mensch-Maschine-Verschmelzungen und sogenanntem Posthumanismus diskutiert wird. Dabei scheint nie ganz klar, ob es sich um eine kühne Vision, eine Satire oder eine warnende Dystopie handelt. Es wäre nicht das erste Mal, dass Machthaber ein komplexes Werk als Bauanleitung missverstanden hätten.
Technologische Nüsse
Gegen die schnelle Zugänglichkeit sperrt sich Wieners Denken aber. Auch die Ausstellung „A.rtificial I.ntrospection.O“, die noch bis 6. 9. in der Halle für Kunst Steiermark in Graz zu sehen ist, ist nicht dazu angetan, die Theorie-Nüsse des vielfach Begabten in Form von süßem Nutella zu verabreichen: Mit einer Vielzahl unkommentierter Texte und Archivalien sowie einem sehr breiten Spektrum künstlerischer Referenzwerke setzt man nicht gerade auf Niedrigschwelligkeit.
Was sich allerdings erahnen lässt, ist der Einfluss, den Wieners Denken ausübte. Seine Großtaten – Wiener war Vordenker der „Wiener Gruppe“, Mitinitiator der Aktion „Kunst und Revolution“ 1968 und Betreiber der Bar „Exil“ in Berlin – sind dabei weniger zentral als Fragen nach menschlicher Erkenntnisfähigkeit, die den Mathematiker, Musiker und Literaten umtrieben.
Für Wiener war es die Fähigkeit zur Innenschau (die „Introspection“ im Ausstellungstitel), durch die sich das Menschliche gegenüber dem Technischen behauptet. Er wies Schülerinnen und Schüler etwa an, Knoten mit verbundenen Augen zu zeichnen – eine Aufgabe übrigens, mit der sich heute KI-Bildgeneratoren mangels räumlicher Vorstellungskraft schwertun.
Es ist kein weiter Weg von derlei Selbstbeobachtung zu den „Körperbewusstseinsbildern“ der Malerin Maria Lassnig, die mit Wiener in intensivem Austausch stand. Walter Pichler entwickelte ebenfalls zahlreiche Ideen, bei denen Prothesen und Körpererweiterungen die Wahrnehmung und das Weltbild verändern.
An der Kippe zur KI-Revolution schaut man mit Ehrfurcht auf diese Kohorte der Avantgarde zurück. Die Grazer Schau bietet ein Sprungbrett für Erkundungen, verbleibt aber oft im akademischen Bereich – um einen Einstieg in Wieners Welt zu bieten, dürfen sich durchaus noch andere an der Materie versuchen. Nichtsdestotrotz ist das versammelte Material ein starkes Argument dafür, dass die künstlerische Reflexion aktueller technologischer Umbrüche um die österreichische Avantgarde nicht herumkommt.
Source:: Kurier.at – Kultur



