
George Orwell beschrieb in „Animal Farm“ die Auswüchse des Kommunismus, Elfriede Jelinek rechnet in „Unter Tieren“ mit dem Kapitalismus ab. Sie lässt Tiere über das räsonieren, was sie nicht verstehen können: über Kredite, Briefkastenfirmen, Immobilienspekulationen, über Geschäfte, Gläubiger und die Gläubigeren. Über das Geld, das in die Karibik fließt, wo es (weiß) gewaschen wird, bis es sprudelt. Über die Armen, die arm bleiben, und die Reichen, die immer reicher werden.
Das Ganze sei eine „Wirtschaftskomödie“ – wie Jelineks „Die Kontrakte des Kaufmanns“ aus 2009. „Unter Tieren“ endet jedoch ziemlich trostlos: Die Nobelpreis-Kassandra, die im letzten Kapitel durch einen Hundekadaver spricht, prophezeit „rasende Feuerstürme“ und „sommerliche Dürre“ (das Buch erschien im Juni). Aber zumindest ist „Unter Tieren“ keine reine Textfläche, es gibt Charaktere, Monologe, Interaktion – und sogar einige Regieanweisungen: Das Känguru zum Beispiel „schaut mißtrauisch in seinen Beutel“.
Der Bärenkalauer
Natürlich hat „Unter Tieren“ einen gewissen Witz. Sogar in der Abfolge der Sprechenden steckt ein solcher. Denn es taucht ein Bär auf – und wenig später die Pflanze Bärenklau, die auch Bärentatze genannt wird, aber Bärenklau ist in Zusammenhang mit Abzocke naheliegender, und so gibt es den „Bärenkalauer“ …
Und doch: „Unter Tieren“ zu inszenieren, ist eine Herausforderung. Denn allein die Auslassungen der Kuh über das Schicksal als Nahrung nehmen kein Ende, und mitunter beschleicht einen das Gefühl, dass man sie auslassen könne. Jelinek weiß es selbst, dass sie wieder einmal „zu viel gesagt“ hat, an die 220 Seiten in Buchform. Aber zum Glück hat sie ja Nicolas Stemann, der schon mehrere ihrer „Stücke“ erstrahlen ließ.
Auch bei „Unter Tieren“ macht er sich Jelineks überbordendes Lamento zu seiner eigenen Angelegenheit: Er führt als gewitzter, aufmunternder Moderator (und Musiker) durch die Koproduktion der Salzburger Festspiele mit dem Burgtheater. Zu Beginn der Uraufführung am Sonntag auf der Perner-Insel von Hallein warnt er, dass man sich keine klassische Inszenierung erwarten solle, und die Vorgabe habe gelautet, dass der Abend nicht länger als vier Stunden dauern dürfe. Mithin ist bereits klar: Nicht alle Tiere werden zu Wort kommen dürfen.
Die Absetzbewegung
Zudem wurde die Pause gestrichen. Aber man könne rausgehen, was trinken, die Aufführung über Screens verfolgen. Nach eineinhalb Stunden setzte eine gröbere Absetzbewegung ein, draußen unterhielt man sich blendend. Die Bildschirme zeigten nur die Totale, man verstand ob des Geschnatters so gut wie nichts. Bei einer Szene jedoch (nach mehr als zwei Stunden) zahlte es sich voll aus: Die als Stockenten kostümierten Ensemblemitglieder watschelten durch den Innenhof der ehemaligen Salzlagerstätte.
Das Interludium
Danach sammelten sie im Rahmen des Jelinek-Hochamts Geld ein: für Wolfgang Porsche. Erfolgreich hatte er um einen Privattunnel samt Lift zur Stefan-Zweig-Villa auf dem Kapuzinerberg gekämpft, die man schon vor Jahren zu einem Zentrum für den Schriftsteller machen wollte. Doch nun verkauft er das Schlösschen – weil, wie Stemann behauptet, Salzburg „reichenfeindlich“ sei. Mit der Kollekte soll dem Milliardär (der das Anwesen der Stadt auch schenken könnte, ohne zu verarmen) bewiesen werden, dass dem nicht so ist.
Dieses Interludium steht nicht bei Jelinek. Wie fast alles, das Pfeffer hat. Aber die Autorin liefert eben die Basis, und Stemann macht was Tolles …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



