Die Welt war nicht gesünder als Woyzeck

Kultur

Der Schwede Steve Sem-Sandberg war neugierig auf die historische Figur. Sein Roman heißt „W.“

Es kommt immer darauf an, dass es Licht gibt.

Bei W. war es Nacht, selbst wenn es überall hell war. Die Mutter starb früh, der Vater wurde zum Säufer, und W. lernte Perückenmacher, als plötzlich keiner mehr Perücken trug. Außer Leichen. Die durfte W. schön machen damit.

„W.“ ist Woyzeck.

Woyzeck erstach seine Freundin Marie. Sie war mit einem Tambourmajor gesehen worden; und lächelte Woyzeck, den einfachen Fußsoldaten, nun von oben herab spöttisch an.

Eine abgebrochene Degenklinge hatte er besessen, sonst nichts, und hätte sie eigentlich verkaufen wollen.

Georg Büchner hat daraus kurz vor seinem Tod 1837 ein Theaterstück gemacht, nur 20 Seiten: Es blieb Fragment und lässt Regisseuren viel Spielraum.

Dem Schweden Steve Sem-Sandberg, der zeitweise in Wien lebt, standen 180 Jahre nach Büchner dieselben Unterlagen zum historischen Fall zur Verfügung.

Er legt es breiter an, neugieriger auf die Ursache. Mit W. geht der Autor ins Gefängnis, zu den psychiatrischen Untersuchungen durch Medizinprofessor Clarus.

Er geht in der Zeit zurück in die Napoleonischen Kriege, als W. „diente“. Dann vorwärts zum Schafott. Bis zur Obduktion und zu der Feststellung des Arztes anno 1824: W.’s Herz sei ausgesprochen fett gewesen – die mögliche Erklärung für sein Verhalten.

Was richtig ist: Sein Herz war schwer.

Keine Unterhaltung

Sem-Sandberg – seit 2020 eines der 18 Mitglieder der Schwedischen Akademie, die den Literatur-Nobelpreis vergibt – verleiht den Dokumenten Stil und macht schöne, wilde Literatur daraus.

Er kümmert sich wenig um die Schizophrenie, die Woyzeck vielleicht hatte.

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W. war nicht kränker als die Welt damals. Ausgelotet wird, wie eines das andere ergibt – und wie am Ende der Kettenreaktion Marie steht.

Und ihr Baby, ihre Tochter – nicht von W., aber auch dieses Kind hätte er sehr gern für immer bei sich gehabt.

Steve Sem-Sandberg schrieb zuvor drei von der Kritik gefeierte Romane: über das Getto von Łódź, über Ulrike Meinhof und über die Kinder vom Spiegelgrund.

Unterhalten will dieser Schriftsteller niemanden. Unterhaltung, sagt er, könne jeder schreiben.

 

Bild oben: „Woyzeck“ im  Akademietheater 2019: Steven Scharf in der Titelrolle und Regisseur Johan Simons bekamen  den Nestroy-Theaterpreis

Steve Sem-Sandberg:
„W.“
Übersetzt von
Gisela Kosubek.
Klett-Cotta.
416 Seiten.
25,90 Euro

KURIER-Wertung: **** und ein halber Stern

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Source:: Kurier.at – Kultur

      

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