
Eigentlich war der Chirurgiemechaniker Erwin Perzy auf der Suche nach einer ergiebigen Lichtquelle für den Operationssaal, als er im Jahr 1900 in seiner Werkstatt mit einer mit Wasser gefüllten Glaskugel hantierte. Solche Kugeln waren als „Schusterlampen“ bekannt. Sie wurden von Schuhmachern, aber auch von Uhrmachern oder Schneidern genutzt, um das Licht von Kerzen oder Öllampen zu bündeln.
Perzy war das nicht genug. Er fügte reflektierende Materialien hinzu. Als er Grieß in den Behälter leerte und der langsam zu Boden sank, erinnerte das den Feinmechaniker an fallenden Schnee. Die Idee zur Schneekugel war geboren. Der Erfinder nannte sie zunächst eher prosaisch „Glaskugel mit Schneeeffekt“ und steckte eine Miniatur der Basilika von Mariazell hinein, die er für einen Freund angefertigt hatte.
Bis er aus seiner Erfindung ein Geschäft machte, sollten noch einige Jahre vergehen, erzählt seine Urenkelin Sabine Perzy, die in der Schumanngasse im 17. Wiener Gemeindebezirk die Schneekugelmanufaktur der Perzys in vierter Generation leitet. Auch ein Schneekugelmuseum findet sich in dem Haus.
Geheime Rezeptur
Es habe gedauert, bis ihr Urgroßvater herausgefunden hatte, wie man die Kugeln in größeren Stückzahlen herstellen kann. Auch der Grieß, der im Wasser mit der Zeit verdirbt, musste ersetzt werden. Seither kommt eine Rezeptur zum Einsatz, die die Urenkelin des Erfinders nicht verraten will. Denn von der Schneekugel gibt es viele Kopien. So schön und gleichmäßig wie bei der Original Wiener Schneekugel fällt der Schnee in den Nachahmungen aber nicht.
An der Produktion hat sich seit dem Start der Manufaktur im frühen 20. Jahrhundert einiges geändert. Statt aus Zinn werden die Motive aus Kunststoff gegossen oder kleinere Serien mit dem 3D-Drucker gefertigt. Die Sockel werden ebenso aus Kunststoff, statt wie ursprünglich aus Gips geformt. Gefüllt werden die Kugeln mit Wiener Hochquellwasser. „So wie es von der Rax runterkommt“, sagt Perzy. Zugekauft werde nur Glas und der Karton für die Verpackung.
Patentiert wurde die Schneekugel nie, erzählt die Firmenchefin. Natürlich sei man markenrechtlich geschützt, ein Patent hätte aber auch die Niederschrift der Geheimrezeptur für den Schnee bedingt.
Breites Sortiment
Das Sortiment umfasst heute Schneekugeln mit rund 350 Motiven, die von Brautpaaren bis zum Guglhupf reichen. Gewachsen ist es relativ spät. Ihr Urgroßvater blieb sein Leben lang ausschließlich Wallfahrtskirchen als Motiv treu. „Das war damals halt sehr ’in’“, meint seine Urenkelin.
Erst ihr Großvater erweiterte das Repertoire um einen Weihnachtsmann, einen Schneemann und einen Weihnachtsbaum. Der Katalog werde mittlerweile jedes Jahr angepasst, erzählt Perzy. Ladenhüter werden ausgemustert, neue Motive kommen dazu. Lediglich das Ursprungsmotiv, die Mariazeller Basilika, sei sakrosankt. Immerhin 200 bis 300 Stück pro Jahr werden noch davon verkauft.
Während der Corona-Zeit habe man fast nur Schneekugeln mit Klopapier verkauft, erzählt Perzy. Zuletzt seien Lebensmittel sehr gefragt gewesen, angebissene Krapfen, Schaumrollen oder Linzertörtchen. Auch Sonderanfertigungen werden angeboten. Dabei kommt mitunter auch KI zum Einsatz. Etwa wenn es darum geht, von Kunden übermittelte Bilder von Hunden auf dreidimensionale Darstellungen hochzurechnen. Auch mit Wiener Kaffeehäusern und Hotels, die Schneekugeln als Werbegeschenke weitergeben oder in ihren Shops verkaufen, gibt es Kooperationen.
Welche Motive sind besonders gefragt? Das sei von den Jahreszeiten abhängig. Im Winter seien es jedenfalls Weihnachtsbäume oder Schneemänner. Gut gehen …read more
Source:: Kurier.at – Wirtschaft



