
„Ich bin Mitte 30 und erwachsen. Aber genau jetzt habe ich Lust, unerwachsen zu sein!“ Das drückt Baiba mit ihrem dritten Album „Delusional“ (Deutsch: „Verblendet“) aus, das sie dem Frausein in ihrem Alter gewidmet hat. Mit Anfang 20 kam die auf einem Bauernhof in Lettland aufgewachsene Musikerin nach Innsbruck, arbeitet seither als Programmkuratorin im Kulturzentrum „Die Bäckerei“. „Für diese Arbeit trage ich seriöse Klamotten und gehe auf wichtige Meetings“, erklärt sie im KURIER-Interview. „Ich mag dieses Sachen-Managen, denn ich bin Perfektionistin. Aber es gibt auch die andere Seite, das Spielerische, mit dem ich das innere Kind ausleben und so wild sein kann, wie ich will.“
Baiba, die als Singer/Songwriterin startete und auf dem zweiten Album Electro-Pop machte, wirft bei „Delusional“ rauere Indie-Klänge und Garage-Sounds in den Mix, überhöht satirisch die Themen in den Texten. In „Stalker“ etwa ist sie diejenige, die besessen jemandem nachsteigt: „Ich spiele mit dem Gedanken, was ethisch erlaubt ist und was nicht. Was spüren wir und trauen uns nicht, es zu sagen?“
Wahnsinnserwartungen
Am deutlichsten lebt Baiba ihre wilde Seite in „Hurricane“ aus. „Ich finde die gesellschaftlichen Erwartungen, wie Frauen über 30 zu sein haben, komplett wahnsinnig. In dem Lied geht es um die Freiheit, eine Frau zu sein, die wie ein Tornado ist. Darum, dass ich alles auf einmal sein darf, ein bisschen verrückt, ein bisschen schwer zu nehmen, dass ich aber trotzdem geliebt werden und gut ankommen will, und dass so eine Frau genau deshalb so interessant und so lebendig ist.“
Die Heimat besingt Baiba in „Home“. Im Gegensatz zu den Songs des vorigen Albums hat Baiba hier die Zweifel über Bord geworfen. „Ich habe Frieden damit gemacht, dass Lettland genauso meine Heimat ist wie Österreich. Gleichzeitig spielt mit hinein, dass ich das Gefühl habe, Lettland als Heimat zu verlieren. In meiner Erinnerung war meine Kindheit dort wunderschön, aber wenn ich jetzt hinfahre, existiert der Ort, wie ich ihn damals erlebt habe, nicht mehr.“
Das liegt einerseits daran, dass die lettische Mentalität von Zurückhaltung geprägt ist, und Baiba das, was sie liebt – gemeinsam mit anderen kreativ zu sein, etwas aufzubauen –, erst in Innsbruck gefunden hat.
Verirrte Drohnen
Andererseits liegt es an den 20 Jahren, die vergangen sind. Zehn Minuten vor dem KURIER-Interview hat Baiba mit einer Freundin in Lettland gechattet, weil sich wieder eine ukrainische Drohne in den dortigen Luftraum verirrt hatte. „Ich bin geboren, kurz bevor Lettland von der Sowjetunion unabhängig wurde“, erzählt sie. „Da war in den 90er-Jahren schon dieses Freiheitsgefühl: Jetzt sind wir Teil von Europa! Aber da war auch immer der Druck von Russland, diese Medien-Kampagnen, die behaupteten, die Letten seien Nazis und würden die Russen schlachten. Deshalb würde es mich nicht überraschen, wenn die jetzige Situation eskaliert. Wir sagen uns zwar, es sind ja nur verirrte ukrainische Drohnen, aber keiner der im Westen aufgewachsen ist, kann sich vorstellen, wie schwierig es ist, mit so einer Bedrohung zu leben. Meine Familie sagt mir immer: Wie versuchen, das Beste daraus zu machen und uns so wenig wie möglich mit den Gedanken daran zu beschäftigen. Sich so …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



