
Johanna hätte ein Vamperl gebraucht, also den kleinen grünen Vampir, den Renate Welsh Ende der 70er-Jahre geschaffen hat. Denn der treibt Menschen das Böse aus. Doch ihre Johanna ist keine Kinderbuchfigur. Sie gab es wirklich.
Sie erzählte der Autorin ihre Geschichte. Zwei Romane wurden daraus. Der erste, „Johanna“ endet 1936, im zweiten, „Die alte Johanna“, verschmilzt Welsh das Leben dieser Frau subtil mit der Düsternis im 20. Jahrhundert. Unter diesem Titel ist Johanna nun im Theater Spielraum in Wien auch Bühnenfigur geworden.
Als unehelich geborene Tochter einer Dienstmagd hat Johanna keine Rechte. Unbezahlt verdingt sie sich auf einem Bauernhof. Im Winter wärmt sie sich ihre Füße in Kuhfladen, denn sie muss drei Jahre auf ihren Lohn warten. Dann lernt sie einen Sozialisten kennen. Im Dorf gehört die Familie dem „roten Gesindel“ an. Aber Johanna schafft es, sich durch ihre Klugheit und Hilfsbereitschaft Respekt zu verschaffen.
Regisseurin Nicole Metzger bringt dieses Frauenleben in kompakten 80 Minuten auf die Bühne des Theaters Spielraum. Faszinierend lässt sie Geschichte erleben. Wie Momentaufnahmen wird diese ins Geschehen verwoben: der Kampf Schutzbund gegen Heimwehr, die Ausbeutung der Ärmsten, der Einmarsch der Nationalsozialisten, die Shoah, nichts fehlt. Man hält inne, als sich Johanna fragt, warum sie nicht nachforschte, als der jüdische Schneider und seine Tochter verschwunden waren.
Denkwürdig
Drei Schauspielerinnen verkörpern die Titelfigur. Fanny Fuhs führt als junge Johanna vor, wie man Autoritäten entgegentritt. Marie Christine Koppitsch überzeugt als fürsorgliche Mutter und in anderen Rollen. Brigitte West zeigt Johanna in vorgerücktem Alter als gütige Frau, die sich ihre Menschenliebe nicht nehmen ließ.
Simon Brader nimmt man den liebevollen Ehemann und den erwachsenen Sohn ab. Adrian Stowasser spielt als geiziger Bauer famos seine Überlegenheit aus.
Ein denkwürdiger Abend, der vorführt, dass auch in schlimmsten Zeiten ein besseres Leben möglich ist.
Source:: Kurier.at – Kultur



