
Der schwedische König unter den Autorenfilmern, Ingmar Bergman, lieferte 1973 mit der Fernsehserie „Szenen einer Ehe“ die Anatomie des Scheiterns einer Beziehung. Das Thema war damals hochmodern, und auch die Figurenkonstellation. Nicht nur Johan war als Universitätsprofessor erfolgreich, auch Marianne hatte als Scheidungsanwältin einen einträglichen Brotberuf.
Für eine neue Bühnenversion, die am Theater Akzent Premiere feierte, wurden die Geschlechterrollen nun verdreht und somit weiter modernisiert. Marianne (gespielt von Julia Cencig) ist die Wissenschaftlerin, Johann (Simon Hatzl) der Anwalt. Das befreundete Ehepaar aus Bergmans Original wurde von Regisseur Hans-Peter Kellner gestrichen.
Marianne ist es also nun, die sich in aufrechter Ehe neu orientiert – und damit zunächst wenig Gewissensbisse zu haben scheint. Bei einem Treffen im gemeinsamen Landhaus in den Schären vor Stockholm prahlt sie mit ihrem deutlich jüngeren Liebhaber und kündigt noch dazu an, für mehrere Monate nach Paris zu gehen. Später kommt noch ein Jobangebot an einer renommierten Uni im Ausland hinzu. Für die beiden gemeinsamen Kinder scheint sie nur finanzielle Vorkehrungen getroffen zu haben – aber keine emotionalen. Marianne möchte endlich unabhängig und frei sein. „Ich brauche nichts außer, aus all dem herauszukommen“, sagt sie. Am meisten hat sie das „blöde Gequatsche“ satt.
Johan nimmt das erstaunlich gelassen hin und schupft in Schweden weiter den Laden. Auch das wirkt durch die Umkehrung hochmodern. Befragt werden dadurch freilich die heutigen Verhältnisse. Ist die Gesellschaft wirklich schon so fortgeschritten, dass das Handeln von Männern und Frauen jeweils gleich beurteilt wird? Oder ist Rabenvater ein Wort, das zwar im Duden steht, aber im echten Leben kaum Verwendung findet?
Frauenversteher
Johann wird in dieser Version zum Frauenversteher, während die Marianne der 1970er offenbar eine Männerversteherin war. Er sagt zum Beispiel: „Ich finde, du hast recht. Ich hab‘ auch recht, aber auf andere Art“.
Marianne mokiert sich über die Kinder, „mit ihrer hysterischen Art“. Da lacht ein Pärchen im Publikum besonders laut auf. Der Wiedererkennungswert von „Szenen einer Ehe“ scheint zeitlos – auch andersrum.
Mit wechselnden Farben beleuchtete Stelen umrahmen die sparsam gestaltete Bühne. Man denkt an funktionelles schwedisches Design. Zwischen den Zeitsprüngen erklingt dezent der Trennungssong “Somebody That I Used to Know” von Gotye/Kimbra. Die Schauspieler betätigen sich vor den jeweiligen Szenen als Spielansager.
Julia Cencig spielt die Dominanz von Marianne lustvoll aus, während Simon Hatzl eher zurückgenommen den passiv-aggressiven Perfektionisten gibt. Die gegensätzlichen Charaktere entwickeln starke komische Reibung, auch wenn es an Dramatik mangelt, sorgt das Hin und Her der Dialoge für Tempo und Kurzweil.
Ob Johans Liebschaften real sind – oder nur erfunden, um den Schmerz zu überspielen, bleibt der Einschätzung des Publikums überlassen.
Scheidung mit Alhohol
Am Ende entwickelt sich das Unterschreiben der Scheidungspapiere zur alhoholgetränkten Orgie, auch hier gibt Marianne das Tempo vor. Wenn sie ihren Ex zum Abschied tüchtig vermöbelt, was mit überzeichneten Actionszenen etwas ins Skurrile abgleitet, kann man sich kurz fragen, ob die Berichterstattung über häusliche Gewalt und Femizide hier gänzlich an den Machern vorbei gangen ist. Letztlich taugt die Umkehrung aber auch in diesem Fall zu einem Denkanstoß. Das Premierenpublikum nahm es begeistert auf und spendete Ovationen.
INFO: Weitere Termine: 25. und 30. April 2026 und 6. Mai …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



