Russischer Regisseur Favorit in Cannes: Kaputte Ehe, korruptes Land

Kultur

Nicht alle Kinovorführungen in Cannes verlaufen friktionsfrei. Buhrufe und Pfiffe gehören zur Tagesordnung. Allerdings handelt es sich dabei nicht um Kritik an schlechten Filmen, sondern wann immer das Logo von Canal+ auf der Leinwand erscheint. Die Proteste richten sich gegen den ultrakonservativen Milliardär Vincent Bolloré, der Canal+ kontrolliert und einen Rechtsruck in der französischen Kulturpolitik anstrebt (der KURIER berichtete).

Doch es kommt auch zu nicht politisch motivierten Zwischenfällen. Ausgerechnet während einer Spitalsszene in Pedro Almodóvars Wettbewerbsbeitrag „Bitteres Fest“ erlitt ein Kinobesucher einen medizinischen Notfall. Der Saal wurde geräumt, die betroffene Person klinisch versorgt, das Screening wieder aufgenommen. Alles nahm einen guten Ausgang.

Warum die Hauptfigur in „Bitteres Fest“, eine erfolgreiche Werbefilmregisseurin namens Elsa, in der Notaufnahme landet, stellt sich bald heraus: Der verdrängte Schmerz über ihre verstorbene Mutter hat sich in Panikattacken zurückgemeldet und veranlasst Elsa, sich nun endlich ihrer Trauer zu stellen. Gemeinsam mit einer Freundin fährt sie nach Lanzarote, um über ihr Leben nachzudenken und an einem Drehbuch zu arbeiten.

Der Prozess des Älterwerdens und damit verbunden Verlust, Trauer und das Ringen um Kreativität beschäftigt den spanischen Starregisseur Almodóvar schon des Längeren – am einprägsamsten mithilfe von Antonio Banderas als alternder Regisseur in seinem autobiografisch gefärbten Film „Leid und Herrlichkeit“. Auch sein zuletzt erstmals auf Englisch gedrehtes Sterbedrama „The Room Next Door“ mit Tilda Swinton und Julianne Moore nahm sich selbstbestimmtes Abschiednehmen zum schweren Inhalt.

 Mit „Bitteres Fest“ (Kinostart: 30. Juli) kehrt Almodóvar in seine spanische Heimat zurück. Auf mehreren Erzählebenen – ein Regisseur schreibt an einem Drehbuch über eine Regisseurin, die an einem Drehbuch schreibt – reflektiert er über die Wechselwirkung zwischen Kunst, Leben und Schreibblockade – wenn auch nicht immer überzeugend. Was aber trotzdem exzellent funktioniert, sind Almodóvars knallbunte Bilder, deren souveräne Farbpracht er mit nervösen Thriller–Geigen auf dem Soundtrack in Unruhe versetzt. Ihr Anblick lenkt von erzählerischen Schwächen in einem Film ab, der in Almodóvars Gesamtwerk im Mittelfeld liegt und wohl kaum Aussicht auf einen größeren Preis auf dem Festival in Cannes hat.

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Spezielle Militäroperation

Ganz anders sieht es da schon mit dem kalten Drama „Minotaur“ von Andrei Swjaginzew aus. Der russische Regisseur gewann bereits 2017 für seine erschütternde Familientragödie „Loveless“ den Preis der Jury in Cannes. Vor fünf Jahren erkrankte er schwer an Covid und lag 40 Tage lang im künstlichen Koma. Allein, dass er sich zurück ins Leben – bis hin an die Croisette – gekämpft hat, wurde als Triumph gefeiert.

Proteste gegen seine Person gab es keine. Swjaginzew ist erklärter Putin–Gegner, verließ bereits vor dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine das Land und lebt seither in Frankreich. An seiner Teilnahme am Wettbewerb in Cannes nahm niemand Anstoß. Auch der im Kaukasus geborene Regisseur Kantemir Balagov, ebenfalls mittlerweile in Frankreich beheimatet, konnte seinen ersten englischsprachigen Film „Butterfly Jam“ als Eröffnungsfilm der Reihe „Un Certain Regard“ zeigen.

Preisjurys treten in Cannes wegen Regisseuren mit russischen Pässen nicht zurück, zumal ja – anders als beispielsweise auf der Biennale in Venedig – diese Filme ohne russische Einflussnahme entstanden und Russland nicht offiziell vertreten.

In „Minotaur“ zeichnet Swjaginzew ein niederschmetterndes Bild von einer moralisch entkernten russischen …read more

Source:: Kurier.at – Kultur

      

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