
Es könnte kaum schlimmer sein. Ferienlager, andere Jugendliche, Wald. Kemi, 13, fährt widerwillig, ausschließlich seiner Mutter zuliebe, in dieses verdammte Ferienlager. Weder die die sogenannte Natur noch andere Jugendliche interessieren ihn. Er will lesen und seine Ruhe haben.
Es wird tatsächlich noch schlimmer. Ausgerechnet mit Jörg muss er sich das Zimmer teilen. Jörg, dieser merkwürdige Typ, der behauptet, er gehe gern wandern. Jörg, der immer mit seinem peinlichen Rucksack herumrennt und komische Sachen sagt- „Pfoten“ statt Hände! Und außerdem: Wer heißt heutzutage schon Jörg?
Dazu berufsjugendliche Betreuer -ein gewisser Herr Petritsch, der unbedingt „Pete“ genannt werden will – und eine penetrant gut gelaunte Esoterik-Tante, die die ganze Zeit singt und trommelt. Beide sind wenig an der Betreuung der Kids interessiert, die hier ihre Ferien verbringen müssen oder dürfen, je nach Perspektive. Sie checken ganz offensichtlich nicht, dass ein unguter Störenfried die anderen drangsaliert. Konflikte sollen die jungen Leute doch bitte am besten selbst lösen, meinen sie. Von wegen.
Die Hölle sind die anderen
Nachts wird Kemi von Alpträumen heimgesucht. Der Wolf kommt jede Nacht zu ihm. Der Wolf ist ein Symbol für alle seine Ängste: Sozialer Druck, Außenseitertum, Mobbing. Es dauert eine Weile, bis Kemi draufkommt, dass er nicht allein ist mit diesem Wolf, dass er ihm nicht ausgeliefert ist.
„Wolf“ heißt der Jugendroman von Saša Stanišić, dessen Bühnenfassung von Claudia Waldherr, die auch Regie führt, nun im Theater der Jugend zu sehen ist.
Mino Dreier und Jonas Graber als Kemi und Jörg agieren munter und weitgehend überzeugend in diesem Jugenddrama, ebenso wie Valentin Späth, Sascia Ronzoni und Frank Engelhardt in mehreren Rollen. Der Wolf wird von einer beeindruckenden, lebensgroßen Puppe von Soffi Povo, die auch die Puppen für das Schuberttheater baut, dargestellt.Ein bisschen mehr Tiefe und ein bisschen weniger Blödelei könnte die Inszenierung allerdings vertragen. Schließlich handelt diese Geschichte von universellen Problemen insbesondere, aber nicht nur junger Menschen.
Wer es sich herausnimmt, „anders“ zu sein, ob freiwillig oder nicht, wird bestraft. Ein Typ wie Jörg ist eine leichte Beute für einen bekannten Drangsalierter wie Marco, vor dem alle, auch die Erwachsenen, kapitulieren. Und die bittere Wahrheit ist, dass Kemi, selbst ein Außenseiter, ja eigentlich ganz froh ist, dass mit Jörg ein anderes Mobbing-Opfer gefunden wurde. Es wird ihm nichts anderes übrigbleiben, als sich seinen Dämonen, seinem „Wolf“ zu stellen und selbst mutig zu sein. Die Frage, ob er das schafft, ist ein zeitloses Thema.
Source:: Kurier.at – Kultur



