
KURIER: Herr Kardinal, Sie haben sich kürzlich sehr kritisch zur ungarischen Kirche in der Ära von Viktor Orbán geäußert und eine Aufarbeitung dieser Zeit gefordert.
Ladislav Nemet: Es ist interessant, dass man diesen Beitrag von mir im deutschsprachigen Raum als „sehr kritisch“ bewertet. Im ungarischen Original ist er deutlich ausgewogener. Ich habe eher einen Spiegel vorgehalten und dazu motiviert, die vergangenen Jahre zu reflektieren. Ich habe auf ein Phänomen hingewiesen, das in der Kirche in den vergangenen Jahren „normal“ geworden ist. Dabei gab es in diesen 16 Jahren auch viele positive Momente der Zusammenarbeit – aber nicht alles war positiv; problematisch war etwa das Schweigen der Kirche. Dadurch, dass die drei größeren Kirchen in Ungarn – Calvinisten, Lutheraner und Katholiken – der Regierung zu nahe gekommen sind und finanziell stark vom Staat unterstützt wurden, haben sie ihre prophetische Stimme verloren. Sie haben sich nicht zu Wort gemeldet, als schwerwiegende Dinge geschahen – etwa während der Migrationskrise 2015 oder im Kontext der Wahlkampagnen, insbesondere bei der Stigmatisierung und Ausgrenzung bestimmter Gruppen in den Jahren 2018, 2022 und 2026. Dabei ging es um Hassrede, Polarisierung und die Spaltung der Gesellschaft. Mein Text war eine Reaktion auf verschiedene andere Beiträge von Priestern und Laien im Internet. Interessanterweise hat sich aus der Hierarchie sonst fast niemand zu Wort gemeldet, lediglich der frühere Präsident der Bischofskonferenz (der sich mit den vergangenen Jahren zufrieden gezeigt hat) sowie der Erzabt von Pannonhalma, Cirill Hortobágyi, der sich ebenfalls kritisch geäußert hat.
War das auch eine direkte Kritik an Kardinal Péter Erdő (Erzbischof von Esztergom-Budapest; Anm.), der Sie 2008 zum Bischof geweiht hat?
Sicher nicht. Er kennt auch meine Position und meine Kritikpunkte. Wir kennen einander seit 1985 und sind befreundet. Ich denke, dass sich meine Kritik nicht auf Personen richtet, sondern auf ein Phänomen, nämlich darauf, wie Menschen Kirche erlebt haben, auch jene, die in der Kirche Verantwortung tragen. In der ungarischen Kirche gibt es den Primas, den Erzbischof von Budapest, der eine sehr starke Institution darstellt. Kardinal Erdő hat hier eine wichtige Rolle gespielt und ist häufig sehr weise mit der Situation umgegangen. Ein zweites kirchliches Machtzentrum ist die Bischofskonferenz, deren früherer langjähriger Vorsitzender der Regierung zu nahe stand.
Wo fängt denn die Instrumentalisierung von Religion durch die Politik an? Ist es schlecht, wenn sich ein Politiker zu christlichen Werten bekennt?
Ich glaube, dass es Orbán mit seinem Bekenntnis zum Christentum ernst ist. Er hat auch privat, in seiner Familie, einen christlichen Geist gepflegt. Für mich stellt sich jedoch die Frage, inwieweit christliche Werte mit ihrem wahren Inhalt in die Regierungsarbeit einfließen, etwa Solidarität, soziale Gerechtigkeit, der Kampf gegen Korruption und die Bekämpfung von Armut. Also ist zu klären, mit welchem Inhalt der Begriff „christlich“ überhaupt verwendet wird, ob er verdreht oder instrumentalisiert wird, um Angst zu schüren, Unwahrheiten zu verbreiten und als Politiker mit einem Absolutheitsanspruch Deutungsmacht über religiöse Begriffe zu beanspruchen. Eine Politik des Hasses und der Exklusion religiös zu legitimieren, ist inakzeptabel. Zudem konnten wir beobachten, wie der Kreis um den Premierminister herum zunehmend reicher wurde, etwa sein engster …read more
Source:: Kurier.at – Politik



