Nachhaltige Architektur: Schilfdach feiert Comeback

Wirtschaft

Es gibt Baustoffe, die nie ganz verschwinden. Schilf, im Norden meist Reet genannt, ist ein solches Material. Jahrhundertelang war es regional verfügbar, reparierbar und klimatisch klug. Dennoch geriet es ins Abseits – zu rustikal, zu traditionell, zu wenig kompatibel mit einer Baukultur, die Fortschritt lange mit glatten Oberflächen und industrieller Perfektion gleichsetzte. Nun kehrt das Reetdach zurück: als architektonische Form, als ökologische Strategie und als Mittel, Gebäuden wieder eine stärkere Bindung an Ort und Landschaft zu verleihen.

Wie aus der Düne geformt 

Wie spektakulär eine solche Rückkehr ausfallen kann, zeigt der Lanserhof Sylt. Das Medical Health Resort wurde von Architekt Christoph Ingenhoven in enger Abstimmung mit dem Natur- und Denkmalschutz auf einem ehemaligen Militärgelände aus den 1930er-Jahren errichtet. Ein historisches Offiziersheim blieb erhalten und wurde in das Ensemble integriert. Die neuen Gebäude tragen zusammen 7.100 Quadratmeter Reetdach – die größte Reetdachfläche Europas. Entscheidend ist dabei weniger die Zahl als die Wirkung: Das Dach schwingt weich über dem Baukörper, folgt der Dünenlogik des Ortes und macht das Resort zu einem Kontinuum aus Haus und Landschaft. 

Diese Haltung setzt sich im Inneren fort. Die Farben Beige, Weiß und Grau sowie die Materialien Holz und Glas übersetzen die Farbigkeit der Insel in eine reduzierte, ruhige Atmosphäre. Unter dem großen Dach liegen 55 Zimmer, deren eingeschnittene Loggien vor Wind schützen und zugleich den Blick auf Meer und Heide eröffnen. Reet wird hier zum Träger eines neuen Luxusbegriffs: nicht dekorativ, sondern sinnlich; nicht auffällig, sondern selbstverständlich. Christoph Ingenhoven beschreibt dies als Reduktion auf das Wesentliche – seine persönliche Definition von Luxus.

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Baustoff mit Zukunft 

Ganz anders der Maßstab, aber ähnlich klar in der Auffassung ist das von Gilbert Berthold für Jacobus van Hoorne geplante Einfamilienhaus im burgenländischen Weiden am See. Der Bauherr war sieben Jahre als Teilchenphysiker am CERN tätig, bevor er den Schilfschneide- und Schilfdachdeckerbetrieb seiner Familie übernahm. Das Haus versteht sich ausdrücklich als Demonstrationsbau: Es soll zeigen, dass Schilf kein Relikt ist, sondern ein regionaler Baustoff mit Zukunft. Die Gebäudehülle verbindet naturbelassenes Eichenholz mit lokal geerntetem Schilf; ein leicht gedrehter, s-förmiger Grundriss prägt Dach und Fassade gleichermaßen.

Hier wird sichtbar, was das Material architektonisch leisten kann. Die rund 30 Zentimeter starke Schilfschicht fungiert sowohl als Dachhaut als auch als Wärmedämmung – diffusionsoffen, langlebig, sortenrein trennbar und letztlich kompostierbar. Van Hoorne verweist außerdem auf einen praktischen Vorteil, der in Zeiten heißer Sommer relevanter wird: Schilfdächer heizen sich deutlich weniger auf als konventionelle Deckungen. Das Material ist also nicht nur atmosphärisch stark, sondern auch bauphysikalisch smart. 
Der eigentliche Durchbruch des Projekts liegt jedoch im Bereich des Brandschutzes.

Schilfdächer galten im österreichischen Wohnbau lange als kaum genehmigungsfähig. In Zusammenarbeit mit der Prüfanstalt für Brandverhalten in Wien wurde deshalb ein Dachaufbau ohne Hinterlüftung untersucht. Die Realbrandversuche zeigten, dass ein korrekt ausgeführtes Schilfdach nicht in Vollbrand gerät und sich das Feuer nur sehr langsam ausbreitet – ein Nachweis, der die Bewilligungspraxis erleichtert und den Weg für weitere Projekte geebnet hat.

Verbindung zur Region 

Dass Schilf heute auch im Hospitality-Bereich wieder stärker zum Einsatz kommt, zeigt das „Nils am See“. Verena Wohlkönig und Jürgen Hamberger, Gründer von Mezza-Maiso in …read more

Source:: Kurier.at – Wirtschaft

      

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