
Milo Rau ließ die Aficionados der Wiener Festwochen fragen, an welche Produktionen der vergangenen 75 Jahre sie sich besonders gut erinnern könnten. Es geht also, wie auch der Rückblick heißt, der am Freitag zur Uraufführung gelangte, unter anderem um „Das beste Stück aller Zeiten“. Der Intendant achtete bei seiner „Symphonie“ um repräsentative Vielstimmigkeit.
Tags darauf konnte man sich noch viel stärker an „100 Prozent Wien“ von Rimini Protokoll im Jahr 2010 erinnert fühlen: Für „Mythen des Alltags“ wurden, wie man von einem Sprecher aus dem Off erfährt, in Zusammenarbeit mit dem Institut für Soziologie 100 Interviews mit Menschen geführt, die nach sozio-ökonomischen Aspekten einen Querschnitt der Bevölkerung abbilden würden.
Bereits dieser Satz dürfte ein Mythos sein. Denn die Grafiken im Programmheft zeigen, dass 62 Prozent der Befragten zumindest Matura haben. Acht der 100 leben im Bobo-Bezirk Neubau (31.000 Einwohner), nur vier in der Donaustadt (228.000).
Der schwedische Dramatiker und Regisseur Mattias Andersson ließ allen die Frage stellen: „Gibt es einen besonderen Moment Deines Lebens, den Du einmal aufgeführt sehen willst?“ Aus den Antworten wollte er „eine Art Polyphonie“ über den mentalen Zustand der Stadt erstellen. Doch zunächst musste das Projekt erklärt werden – und viele äußerten gleich einmal Zweifel oder Vorurteile.
Genau damit beginnt der äußerst sympathische Abend, der mit zweieinhalb Stunden arg zu lang geraten ist (im Programmheft wird die Dauer mit deren zwei angegeben). Er spannt einen Bogen von der (scheinbaren) Realität zur Fiktion, von Elizabeth T. Spira zur Überhöhung – allein schon aufgrund der Übersetzung ins Schwedische und der Rückübersetzung wie den Verzicht auf Dialekt.
Präsentiert wird das Ergebnis als Triptychon. Das erste Bühnenbild, nah an der Rampe und ohne Tiefe, zeigt einen exakten Nachbau der Gänge des Volkstheaters – mit Kandelabern, Spiegeln („Erkenne Dich selbst!“) und roten Tapeten. Das achtköpfige Ensemble in Alltagskleidung ist mit Blättern voll sonderbaren Sätzen und Geschichten konfrontiert. Zögerlich lässt es sich auf das Textmaterial ein.
Texte und Textilien
Johanna Wokalek besticht gleich einmal mit einer (natürlich einstudierten) Improvisation über eine 52-Jährige, die sich frisch wie 40 fühlt und schlagartig verfällt, weil sie glaubt, vom Paketzusteller als „ältere Dame“ taxiert worden zu sein. Und Bernardo Arias Porras wird zum 24-jährigen Floridsdorfer, der mit seinen Beats fast Weltkarriere gemacht hätte.
Nach einer Stunde weitet sich die Bühne zu einer neutralen White Box, das Ensemble trägt Weiß: Es hatte sich durch einen Haufen an Textilien gewühlt, man schlüpft nun in ein Kleidungsstück, das die Interviewten angeblich zur Verfügung gestellt haben, und damit in eine Rolle. Als Staffage sollen 14 Laien für die Authentizität bürgen.
Es gibt viele Geschichten von Menschen, die nach Wien gekommen sind: Aleksandra Ćorović wird zur Syrerin, die glaubt, im Paradies gelandet zu sein; Günther Wiederschwinger zum Iraker, der alles richtig machen will; Vinzenz Sommer zum Studenten, der die Dumpfheit daheim nicht aushält; und Wokalek zur Ukrainerin, die nach Kiew reist, um aus der devastierten Wohnung Bücher für die Mutter zu bergen.
Auch schräge Typen tauchen auf, etwa ein Alt-Hippie, der von LSD schwärmt, und ein Verschwörungstheoretiker. Und Nancy Mensah-Offei spielt eine Kartenabreißerin bei den Festwochen, die erkennen muss, dass doch …read more
Source:: Kurier.at – Kultur



